1989 bis 2009 - 20 Jahre Kinder von Tschernobyl Drucken
In diesem Jahr häufen sich die Jahrestage. Wie bedeutungsvoll sind sie für die Geschichte unseres Landes, für Europa, für die Welt - geprägt durch Erfahrungen von Krieg, furchtbarer Gewalt, Verbrechen und bitterem Schmerz, von Aufbruch und Umbruch, von Gedenken und Erinnerung.
Ein Jahrestag aber ist für uns, die Tschernobylinitiativen, von besonderer Bedeutung. Gedacht werden will in diesen Tagen nicht nur des Supergaus von Tschernobyl von 23 Jahren, so als gäbe es nur Opfer von Tschernobyl. Nein, im Anblick des Desasters von 1986 standen Menschen auf, Betroffene und Engagierte, durchbrachen die Mauer des Schweigens und begannen zu kämpfen für das Leben, die Zukunft, für eine Alternative der Humanität. Tschernobyl wurde nicht nur als technisches Desaster begriffen, sondern zugleich als eine politische Katastrophe, an der letztlich die Sowjetunion zerbrach. Das war die Stunde der Bürger— und Selbsthilfebewegung in Weißrussland. „Rettet unsere Kinder", dafür musste man auf die Straße, hinaus in alle Welt.
Auch in Weißrussland hatte sich eine Volksbewegung zusammengefunden, ähnlich wie in Polen und in anderen sozialistischen Ländern. Die „Volksfront" wollte Ernst machen mit dem Programm Michael Gorbatschows: Glasnost und Perestroika, heraus aus der Stagnation zu einer neuen Dynamik in Staat und Gesellschaft und Mobilisierung der Kräfte.
Die erste große Herausforderung und Bewährungsprobe aber hieß: Tschernobyl. Da herrschte das große Schweigen, die Allmacht von oben.
Was das hieß, habe ich selbst bei meinem ersten Besuch in Minsk im Herbst 1988 erlebt. Gleich nach Öffnung der Grenzen zur Sowjetunion hatte ich als damaliger Studentenpfarrer mit einer Gruppe von Studentinnen und Studenten einen Austausch begonnen. Die Studierenden, darunter Mediziner und Physiker, hatten sich lange und gut vorbereitet im Blick auf das Ereignis, das ganz Europa in Atem hielt: Tschernobyl; hatten alles gesammelt, was in Schweden, im Bayerischen Wald und sonst an Tschernobylfolgen sichtbar geworden war. In Minsk wurden wir als eine der ersten westlichen Gruppen, mit großem Arangement empfangen, im Friedenskomitee, in der Freundschaftsgesellschaft, in der Akademie der Wissenschaften.
Da fragten unsere Studentinnen und Studenten: Was ist mit „Tschernobyl", hier in diesem Lani so nah dem Super-Gau-Reaktor ?
Und die Antwort in dieser gelehrten Versammlung hieß: Da war nichts, da ist nichts, und wen dann haben wir alles voll im Griff.
Die Worte höre ich heute noch - und sie begegneten mir immer wieder, und ich finde sie heul noch in offiziellen Verlautbarungen wieder bis hin zum Abschlußbericht der Internationalen Aton energiebehörde zum 20sten Jahrestag von Tschernobyl. Wie eine russische Journalistin spät( herausfand, hatte denn auch das Politbüro der KPdSU sofort nach dem Desaster 1986 ein totalc Schweigegebot angeordnet. Wir bekamen das Schweigen zu spüren.
Wir waren damals sehr konsterniert. Wie kann das denn sein, alle Welt sieht, was da geschehe ist und im Land des Unglücks selbst sagt man: da ist nichts und wenn, dann haben wir alles Griff?
Wir saßen noch im Vortragsraum, da kam jemand - war es ein Journalist, ein Mitglied der Akack mie? - zu mir und flüsterte mir zu: Wenn du wirklich wissen willst, was in diesem Land nac „Tschernobyl" los ist, dann geh zur Roten Kirche am Platz der Republik, sie ist heute Palast ck Filmschaffenden, und lass dich in die Räume nach unten führen. Dort findest du Leute, die dic informieren können.
Das tat ich und fand sie, ein Gewimmel von eifrig Geschäftigen. Ja, sie konnten berichten, hatte es mit eigenen Augen gesehen, wußten, was los war. „Rettet unsere Kinder'. Ich erlebte die G( burtsstunde der Tschernobylbewegung in Belarus. Im folgenden Frühjahr, im Frühjahr 1981 gründete sich im Rahmen der Volksfront das Komitee: „Kinder von Tschernobyl". Es th an die Öffentlichkeit und machte im eigenen Land bewusst, was geschehen war. Man rüttelte (21 eigene Bevölkerung auf und machte die Weltöffentlichkeit wach mit dem erste „Tschernobylmarsch durch Minsk. Das war im September 1989.
„Hört den Schrei der Kinder von Tschernobyl", der Schrei ging hinaus in alle Welt. Viele Hocl schullehrer/innen mit ihren Verbindungen ins Ausland engagierten sich, informierten und organ sieden - gegen das staatliche Schweigen.
Ein Netz der Solidarität und Humanität entstand im Land selbst und international - alle verbunde mit dem Namen der „Kinder von Tschernobyl". Dieser Name prägte sie und alle Initiativen, d sich anschlossen. Sie alle kamen und kommen von diesem Anfang her, vom demokratischen Au bruch der ersten und bleibend größten Bürger– und Selbsthilfebewegung.in Belarus — auc wenn sie später ihre eigenen Wege gingen. Dieser Name prägt alle bis heute — auch wenn d Verpflichtung dieses Anfangs vergessen oder bewusst verdrängt wurde.
Sehr schnell reagierte die Staatsmacht mit gewohnter Härte, Lüge und Doppelstrategie: einm mit direkter Bekämpfung und Verhinderungstaktik durch immer neue bürokratische Erschwernil se, mit ständigen Kontrollen und Überprüfungen, um das Komitee zu diskriminieren, einzuschücl tern, zu entmutigen und Gründe zu schaffen für eine Schließung .
Zum andern gründete der KGB in gewohnter Weise Parallelstrukturen. Es entstanden jetzt üben Komitees der „Kinder von Tschernobyl", aber unter staatlicher Lenkung. Sie sollten Verwirrur schaffen, zugleich aber auch westliche Kontakte an sich ziehen, oft mit Angeboten besonden Privilegien und in Abwehr des sog. Politischen, gegen die „Gruschewojs" *, wie es abschätz hieß.
Das ursprünliche und unabhänige Komitee aber musste den Namen ändern, zukünftig hieß el Belarussische Gemeinnützige Stiftung „Den Kindern von Tschernobyl". Auch mit Namen' änderung ist und bleibt es die Mutter aller „Kinder von Tschernobyl". Hier von der aufbreche' den Zivilgesellschaft Weißrusslands kommen alle „Kinder von Tschernobyl" her und nur solang die Zivilgesellschaft lebt, werden sie bleiben. Der Putsch von 1994 richtete sich nicht nur gege die junge Demokratie in Belarus, sondern zugleich gegen die „Kinder von Tschernobyl".
Was da vor sich ging, hat die „Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) mit dem ersten Bericht einer großen deutschen Zeitung sehr treffend festgehalten - für uns gleichsam ein historisches Dokument und ein authentisches Zeugnis. Die FAZ schreibt am 21.August 1990:
„Bisher hat das Komitee schon für mehr als 5000 Kinder Ferienreisen ins Ausland organisiert. Di erste Gruppe fuhr, unterstützt vom Gandhi-Fonds im vergangenen Winter nach Indien. In diesen Sommer sind viele Gruppen in der Bundesrepublik, in Skandinavien, Österreich, Polen, der Tschechoslowakei und Griechenland zu Gast. Doch bei weitem die größte Unterstützung kam aus der DDR, besonders aus dem Umkreis des „Neuen Forums" und des „Bündnis 90"...
Was das Komitee angeht, das de jure gar nicht existiert, de facto geleistet hat, ist beeindruckend. Sein Erfolg und seine Autorität bedeuten natürlich einen schweren Gesichtsverlust für diejenigen staatlichen Stellen, zu deren Aufgaben die Hilfeleistungen eigentlich gehört hätten. Das Gesundheitsministerium und der Kinderfonds hätten auf die Anfragen aus dem Komitee gar nicht reagiert, sagt Gruschewoj *. Statt dessen haben staatlich unterstützte Organisationen wie eben jener Kinderfonds und die „Ökologische Union" eigene Komitees mit dem Namen „Kinder von Tschernobyl" gegründet und werben in den Medien für Spenden. Trotz ihrer staatlichen Förderung haben sie bisher nur wenige Kinder verschickt. Frau Gruschewaja ** weiß zu berichten, dass sie auf Anfrage einräumen, ihre Hilfsprojekte befänden sich noch im Planungsstadium.
Dies hindert die Behörden zu Hause jedoch keineswegs, das „informelle" Komitee zu sabotieren. In den Medien würden er und seine Mitarbeiter als „Extremisten", „Provokateure" oder „Banditen" diffamiert, erzählt Gruschewoj. Es seien Meldungen lanciert worden, dass mit den Kindern im Ausland „Experimente" angestellt würden. Frau Gruschewaja erinnert daran, wie Anfang August zwei nagelneue Lufthansa-Maschinen auf Bitten des Komitees 1400 Kinder unentgeltlich aus Minsk zu Ferienaufenthalten nach Ost-Berlin brachten— natürlich war niemand von der Presse oder vom Fernsehen am Flugplatz.
Die belorussischen Medien werden vielmehr gezielt dafür genutzt, Verdienste von Gruschewojs Komitee den gleichnamigen staatlichen Organisationen zuzuschreiben, etwa die Verlegung eines Waisenhauses aus einem stark verstrahlten Gebiet. In einem Fall erhielt Gruschewoj sogar einen Entschuldigungsbrief von einem Journalisten, der in einer Zeitung dem Kinderfonds für eine Ferienverschickung dankte, die Gruschewoj vermittelt hatte - ihm sei vom Zentralkomitee der Partei mit Entlassung gedroht worden. Die staatliche Kampagne geht sogar so weit ‚wie Frau Gruschewaja hinzufügt, dass die sowjetische Botschaft in der Bundesrepublik die Anwesenheit der belorussischen Kinder leugnet.
Dennoch vermerkt Gruschewoj mit einigem Stolz, dass sein Komitee in seiner erzkonservativen belorussischen Heimat eine kleine Revolution in Gang gesetzt habe. „Wir sind keine Politiker", sagt er „Aber unser Tun hat politische Folgen. Die Autorität des Staates bröckelt unaufhaltsam: Trotz aller Kampagnen gegen uns wenden sich die Menschen heute an uns und nicht an die propagierten staatlichen Institutionen." Soweit die FAZ von damals. Hat sich in den folgenden 20 Jahren viel verändert?
Was ich im Herbst 1988 schon miterleben konnte, fand im Frühling 1989 seine konkrete Gestalt. Es entstand eben das Komitee: Kinder von „Tschernobyl". Bekannt wurde es vor allem durch den ersten „Tschernobylmarsch" durch Minsk am 30.September 1989 und den „Tschernobyl- Kongress der Völker" vom 25.-26. November 1989. Das sind gleichsam die Geburtsdaten, und bald können wir das 20 Jährige feiern. Feiern? Vielleicht bleibt es auch nur ein stilles Gedenken– wichtig, dass diese Tage des Anfangs nicht vergessen werden. Sie enthalten schon alles, was später geschieht und uns immer wieder in Atem hielt und hält.
Juristisch anerkannt und vom Justizministerium registriert (Urkunde Nr.5) wurde die „Belarussische Gemeinnützige Stiftung „Den Kindern von Tschernobyl", wie sich das Komitee fortan nennen musste, am 20.Noverb 1990.

Burkhard Homeyer

* Prof. Dr. Gennadij Gruschewoj, Initiator der „Kinder von Tschernobyl", Gründer des Komitees und der Stiftung „Den Kindern von Tschernobyl" und deren Leiter bis heute
** Dr. Irina Gruschewaja, Mitbegründerin, Mitorganisatorin deer „Kinder von Tschernobyl" und wesentliche Vermittlerin ins Ausland