| „Die Kinder von Tschernobyl“ und die Herausforderung zum Frieden |
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| Donnerstag, den 17. Februar 2011 um 11:11 Uhr |
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„Tschernobyl“ ist bis heute nicht vergessen. Im Vorfeld des 25.Jahrestages des SuperGAUs bereiten sich Initiativen weltweit auf diesen Tag vor: ein Tag des Gedenkens und des Mahnens. Eine ganze Generation liegt zwischen dem Ereignis und diesem Tag. Schon dies zeugt von der Ungeheuerlichkeit des Damaligen. Europa stand in Gefahr. Wach gehalten hat die Erinnerung aber nicht nur das Ereignis als solches, sondern der zivilgesellschaftliche Aufbruch, den Tschernobyl auslöste. Wie viele Menschen, wie viele Initiativen haben sich den Herausforderungen bis heute gestellt. Die „Kinder von Tschernobyl“ geben davon Zeugnis. Jedes Kind, das zur Erholung ins Ausland fuhr und fährt, bringt eine Botschaft mit: „Tschernobyl“. Hier wurde und wird die Erinnerung an Tschernobyl in breitesten Bevölkerungskreisen lebendig gehalten. „ Tschernobyl“ ist noch lange nicht zuende. Es wächst vielmehr in Zeit und Raum. Nach den ersten Toten am Katastrophentag und –-ort weitete sich der Tod in ungeahnter Schnelle aus. Allein in Belarus - in unmittelbarer Nachbarschaft zum ukrainischen Tschernobyl und am stärksten kontaminiert - wurde mehr als ein Drittel des Landes unbewohnbar, große Teile der Bevölkerung mit den Folgen konfrontiert. Insgesamt gesehen sprach Kofi Annan, der ehemalige Generalsekretär der UNO, von mehr als 8 Millionen in irgendeiner Weise von Tschernobyl Betroffenen, dass der Höhepunkt der Folgewirkungen erst 2016 erreicht werde und dass die genetischen Folgen noch gar nicht absehbar seien. Bilder von behinderten, erkrankten, leidenden Kindern ließen erschrecken. 800.000 Liquidatoren wurden aus der ganzen Sowjetunion herangeflogenen, um stundenweise die hochstrahlenden Trümmer abzuräumen und in den „Tschernobylgräben“ zu entsorgen. “Tschernobyl“ geht weiter, Böden sind kontaminiert, strahlende Isotope werden von Pflanzen und Tieren aufgenommen, gelangen in die Nahrungsmittelkette, die bis zu uns reicht, und lagern sich letztendlich im menschlichen Körper ab. Die Krebsraten vor allem in den hoch belasteten Gebieten bestätigen den efund. Es sind die zivilgesellschaftlichen Tschernobylinitiativen, die bis heute um die Wahrheit über Tschernobyl“ und die Folgen kämpfen. Die Anfänge aller Tschernobylinitiativen liegen in der Demokratiebewegung in Belarus. Wie in anderen Ländern des sowjetischen Imperiums hatten demokratische Kräfte die Stichworte Gorbatschows aufgenommen und sich in der „Volksfront“ zusammengefunden. Die erste Bewährung für Glasnost und Perestroika und die junge Demokratiebewegung aber hieß „Tschernobyl“. Es entstand das Komitee „Kinder von Tschernobyl“. Es wurde zur Wiege aller Tschernobylinitiativen. Es sorgte für die ersten Informationen aus den „Tschernobyl“-regionen überhaupt, im Land selbst wie weltweit. Sie initiierte als erste Sofortmaßnahme Hilfe für die Kinder und baute ein zivilgesellschaftliches Netzwerk im Land und weltweit auf. Da sich sehr viele Hochschullehrer beteiligten, konnten sehr schnell ausländische Freundinnen und Freunde informiert und Kontakte hergestellt werden. Das Wissen um „Tschernobyl“ hängt engstens mit dem demokratischen Aufbruch der Zivilgesellschaft zusammen. Eben der fehlte in einem vergleichbaren Fall in Russland vor Tschenobyl – wer hat schon etwas vom GAU in Majak im südlichen Ural erfahren? „Tschernobyl“ ist nicht nur ein „technisches“, sondern zugleich ein politisches Desaster. Diestaatliche Reaktion des alten sowjetischen Regimes wie des neuen unter Lukaschenko auf „Tschernobyl“ sah und sieht völlig anders aus. Sie schloss sich dem Votum der Internationalen Atombehörde an, das von Anfang an und immer wieder zu hören ist: „Tschernobyl war gar nicht so schlimm – nur ein paar Tote -, viel schlimmer sind die, die ständig darüber reden“, also die Tschernobylinitiatven. So wurde das Komitee von Anfang an zum Hauptangriffspunkt des Regimes. Tschernobyl ist so zum Auslöser der größten Ost-West-Friedensbewegung geworden. Oft ist in Belarus die Rede von Tschernobyl als dem „unsichtbaren Krieg“ zu hören, der in seinem Ausmaß dem ersten, dem deutschen Vernichtungskrieg nahekommt, ohne diesen zu verharmlosen, im Gegenteil. Wieder ist ein Drittel des Landes schwer getroffen und belarussische Menschen zu Opfern unermesslicher Gewalt geworden. Tschernobyl ist das Menetekel des Atomstaates. Die atomare Gigagewalt, wie sie im Super-GAU von Tschernobyl sichtbar wurde, erzwingt geradezu politische Strukturen totaler Herrschaft. Das schließt die Verfügung über die Informationen - die Wahrheit über Tschernobyl und die gesundheitlichen Folgen - ein als auch die totale politische Kontrolle. Belarus ist dafür das Musterbeispiel. Belarus ist die erste Diktatur nach Tschernobyl in Europa, sorgt so dafür, daß keinerlei Informationen über „Tschernobyl“ mehr zugänglich sind. Es folgt der „Internationalen Atomenergiebehörde“, die schon 1959 durch einen Knebelvertrag die Weltgesundheitsorganisation daran hindert, gesundheitliche Informationen über Tschernobyl zu veröffentlichen. Die WHO verfügt über erhebliches Material zu Tschernobyl, darf aber nichts weitergeben. Publikationen mussten eingestampft, Kongresse abgesagt werden. Ähnliches trifft für alles zu, was in irgendeiner Weise mit den Folgen atomarer Verstrahlung zu tun hat. Die „Kinder von Tschernobyl“ jedenfalls werden unter dem Stichwort: „Die Wahrheit sagen“ eine Friedensfahrt von Minsk nach Genf unternehmen, um in Genf an den Mahnwachen vor der WHO für eine „Freie WHO“ teilzunehmen. Sie werden mit einer „Kerzenaktion überall“ die Tschernobyl-Kerze anzünden, Licht im Dunkel totaler Herrschaft. Wir laden dazu ein, den Jahrestag zu einem Zeichen zu machen: Münster, den 11.01.2011 Burkhard Homeyer
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Ehemaliger ev. Studentenpfarrer in Münster,