"Das" Tschernobylkind gibt es nicht Drucken
Kinderreisen
Mittwoch, den 16. April 2008 um 20:59 Uhr

Selbstverständlich sind die Jungen und Mädchen, die zu uns kommen, ganz unterschiedlich in ihrem Temperament, in ihrer Kontaktfähigkeit und in ihren Möglichkeiten, sich auf das Neue bei uns ein- und umzustellen.

Die Kinder haben - so wie jedes andere Kind auch - ein Recht auf ihre Individualität.
Das wollen wir berücksichtigen.

Die belarussischen Kinder wachsen in einem völlig anderen Umfeld auf als unsere. Das gilt zum einen für die wirtschaftliche Situation.

Wir alle wissen das - aber stellen wir uns im alltäglichen Miteinander auch immer darauf ein ? Da ist natürlich der gewaltige materielle Unterschied zwischen unseren und ihren Lebensverhältnissen. Um das richtig zu begreifen, sind das Beste Gastelternreisen mit vielen Begegnungen und Erkundigungen "vor Ort". Vor dem Hintergrund der belarussischen Realität, des Alltags mit den engen Wohnungen , der durch die Inflation ständig größer und größer werdenden Geldsorgen und vielen anderen Problemen ist es dann leichter zu verstehen, warum wir den Kindern ( und auch den Erwachsenen ) unermesslich reich vorkommen.

Das heißt aber nicht, den Jungen und Mädchen alle Wünsche zu erfüllen - im Gegenteil. Wichtig ist, dass die Gastfamilien untereinander sich einig sind auch über Taschengeldhöhe und angemessene Geschenke. Diese gemeinsame Linie kann Kindern vermittelt werden - nicht aber, dass von Familie zu Familie alles unterschiedlich gehandhabt wird.

Noch wesentlicher als der wirtschaftliche Kontrast erscheint mir der Unterschied zwischen den Erziehungsstilen in Schule und Elternhaus hier und dort.

Was ist es denn, was "unsere" Kinder von Anfang an prägt ? Wir leben ihnen vor, was uns wesentlich ist. Im Elternhaus und seinem Umfeld, danach im Kindergarten, in Vorschule und Schule werden die " Weichen gestellt ", werden - hoffentlich - Werte und Kompetenzen vermittelt. Wir wissen, dass das ein langer, nicht immer einfacher Prozess ist. Diesen Prozess können wir nicht automatisch voraussetzen bei unseren Gastkindern.

Wo liegen die größten Unterschiede , wenn man den belarussischen und deutschen Erziehungsstil vergleicht ?

In der belarussischen Schule - aber auch bei den meisten Eltern - geht es nach wie vor um unreflektierten Gehorsam und um Disziplin, um messbare, abfragbare Leistung, um Anpassung. Meinungsfreiheit und Entwicklung von Eigeninitiative dagegen sind nicht gefragt, sie sind im Gegenteil unerwünscht

Die Fähigkeit dazu können wir deshalb nicht einfach voraussetzen. Eine Sechzehnjährige, die seit acht Jahren regelmäßig von ihrer Gastfamilie eingeladen wird, hat diese Diskrepanz so formuliert : " In der Schule ( Kl. 10 ! ) muss ich sogar fragen, ob ich aufstehen und etwas in den Papierkorb werfen darf. Zuhause sagt mein Vater, was zu tun ist, und so geschieht es. Bei Euch hingegen soll ich immer diskutieren, meine Meinung sagen und alles Mögliche selbst entscheiden - das sind doch zwei Welten ! " Dieses Mädchen wird inzwischen mit den beiden Welten gut fertig. Doch jüngere Kinder können sich damit schwer tun. Darum ist es nicht hilfreich, anzunehmen, das die Gastkinder ( noch dazu in einer relativ kurzen Zeit ) sich mühelos in unsere so anderen Erziehungskonzepte finden - wenn ja, ist das eine große Leistung ! Lassen wir ihnen Zeit , versuchen wir nicht, in sie drei oder vier Wochen umzukrempeln.

Oft verunsichert es sie, dass klare Anweisungen fehlen, dass keine für sie erkennbaren Grenzen gesetzt werden. Sie bekommen oft den Eindruck, dass in der Gastfamilie eine ihnen fast grenzenlos erscheinende Duldsamkeit herrscht, die dann allerdings, wenn sie über die Stränge schlagen, sich unvermittelt in enttäuschte Verärgerung wandeln kann. damit werden sie dann nicht fertig.

Es ist unsere Aufgabe, sie ihrem Wesen und ihrem Alter entsprechend vorsichtig in unsere Welt einzuführen, sie - wenn nötig - in das einzuüben, was wir für wichtig und richtig halten, ihnen aber auch die Freiheit lassen, das was sie jahrelang geprägt hat, nicht unvermittelt aufzugeben.

Deshalb wollen wir uns immer von neuem erinnern : Woher kommen diese Kinder ? Wohin kehren sie zurück ? Was wollen wir ihnen mitgeben ? Dann können wir sie voll akzeptieren, auf dieser Basis kann Partnerschaft wachsen.

Eva Balke