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Wichtige Hinweise
Sonntag, den 02. Februar 2014 um 18:51 Uhr


Was wissen wir von ihm? Daß er der Leiter der Stiftung “Den Kindern von Tschernobyl” in Minsk ist. Aber was sonst? Hier einige Stichworte zu seinem Werdegang und zu seiner Person:

Prof. Gruschewoj hat 1972 das Studium der Philosophie an der Belarussischen Staatlichen Universität in Minsk erfolgreich abgeschlossen und ein Jahr später den Doktortitel in Geschichte der Philosophie von der gleichen Universität erhalten.

Von 1979 bis 1983 nahm er an Forschungsthemen der Universitäten Berlin, Leipzig und Halle zur Entwicklung von philosophischen Denkweisen Westeuropas und der Republik Belarus teil, beteiligte sich auch an der Anfertigung von unterschiedlichen Enzyklopädieausgaben.

1990 wurde er zum Dozenten der Belarussischen staatlichen Universität und 1991 zum stellvertretenden Rektor am Institut für Modernes Wissen ernannt. 1992 erhielt er den Titel des Professors für Philosophie. Im Jahr 1995 wurde er ausführendes Mitglied der Internationalen Akademie für Informationsprozesse.

1988 begann Gennadij Gruschewoj aktiv in der demokratischen Oppositionsbewegung, der Belarussischen Volks-Front (BVF) mitzuarbeiten. Für die Organisation von verschiedenen politischen Aktionen und Protestdemontrationen für die Opfer der Tschernobylkatastrophe in Belarus wurde er 1989 verhaftet und 1990 aus der Staatlichen Universität entlassen.

1989 gründete er die erste Bürgerinitiative, die den Kindern von “Tschernobyl” in Belarus helfen sollte. Der daraus unter seiner Leitung gegründete Fond wurde 1990 als nichtkommerzielle, nichtstaatliche “Belarussische Gemeinnützige Stiftung, Den Kindern von Tschernobyl” offiziell eingetragen. Diese Stiftung führt seitdem in mehr als 20 Staaten Programme zur Unterstützung der Kinder sowie der demokratischen Bürgerinitiativen von Belarus durch.

1990 wurde Prof.Gruschewoj als Mitglied der BVF in das belarussische Parlament gewählt und war Vertreter der Opposition im Parlament. Als Parlamentsabgeordneter war er Mitglied der ständigen Parlamentskommissionen für Verfassung, Gesetz und Tschernobyl.

Seit 1990 trug Prof. Gruschewoj entscheidend zur Gründung weiterer gesellschaftlicher, sozial-politischer und religiöser Organisationen bei: der Internationalen Assoziation für humanitäre Zusammenarbeit, des Zentrums für soziale und politische Forschung, des Informationszentrums für Kommunalpolitik, der Christlichen Gemeinnützigen Mission “Anastasis”, der gesellschaftlichen Jugendbewegung “Christlich-soziale Union”. Er ist Mitbegründer (initiator) der Vollversammlung der demokratischen NGOs in Belarus, die heute über 700 Mitgliedorganisationen zählt und nach dem Prinzip des Netzwerks funktioniert; Vorsitzender des “Internationalen Rates, Für die Zukunft der Kinder von Tschernobyl”, Münster; Mitglied im Advaiserboard des “International Peace Bureaus”, Genf; aktiv beteiligt an der Schaffung einer globalen Partnerschaft der NGOs als


Prof.Dr.Gennadij


Gruschewoj


Botschaft von Gennadij Gruschewoj


„Als ich etwa vor 5 Jahren erfahren haben, dass ich an Leukämie - Zerstörung von DNA-Struktur – erkrankt bin, sagte ich mir: ich habe in meinem Leben Glück, weil ich sterben werde an dem, wogegen ich mein ganzes Leben lang gekämpft habe. Aber ich gebe Tschernobyl keine Chance. Ich möchte mein Leben in der Schlacht beenden, die ich am 26. April 1986 begonnen habe und die ich die letzten 27 Jahre führe. Ich bin einer von denen, für die ich nach Tschernobyl gearbeitet habe. Mein Fortgang ist eine logische Vollendung meines Lebens. Ein solcher Fortgang ist mir von Gott und vom Schicksal geschenkt worden. Ich nehme ihn wie ein Soldat im Krieg wahr, denn es ist besser während einer Angriffsattacke an der Front zu fallen, als an Malaria im Hinterland zu sterben.

Vielleicht werde ich mit meinem Schicksal jemanden überzeugen, dass Belarus keine Zukunft hat, falls die Folgen von Tschernobyl ignoriert werden sollten. Man darf nicht hoffen, dass es möglich ist, sich von dieser Tragödie zu verstecken oder von ihr zu fliehen. Das ist der Grund, warum der Staat verpflichtet ist, sich mit Tschernobyl auf ernste Weise auseinanderzusetzen. Erst dann könnte die Nation eine gewisse Hoffnung auf die Rettung haben. In meiner Zeit habe ich um das Post-Tschernobyl-Belarus gekämpft. Und heute kämpft die Hälfte von Europa um mich, indem die Europäer mir solche Medikamente geben, die ich den kranken Belarussen nicht geben konnte. Und diesen Vorteil muss ich jetzt voll abarbeiten…“ Und seinen vollen Einsatz für die betroffenen Menschen setzte er während seiner Krankheit fort. Bis zum seinem letzten Tag.



*Gennadij Gruschewoj ist am 28. Januar 2014 verstorben. Zwei Wochen vor seinem Tod hat er seinem Freund Marat Haravy (Journalist von Novyj tschas) seine Botschaft an die belarussische Gesellschaft übergeben, mit der Bitte sie erst nach seinem Ableben zu publizieren. Der Text wurde in der Internet-Zeitung „Solidarnost‘“ am 28.01.2014 veröffentlicht.


Video zur Trauerfeier:


http://belapan.by/archive/2014/01/31/media_panihida_v1/