Zur ökologischen Situation Drucken
Stellungnahmen & Dokumentationen
Montag, den 21. April 2008 um 15:21 Uhr

... fast 20 Jahre nach Tschernobyl

Da über 70 % des radioaktiven Fallouts nach der Reaktorkatastrophe vom 26. 04. 1986 über den Süden, Südosten und Osten der Republik Belarus niedergegangen ist, sind hier die größten Schäden an Menschen, Tieren und Pflanzenwelt zu beklagen. Etwa ein Fünftel der Republik wurde radioaktiv verseucht, weite Flächen mit Cäsium-137, ein begrenztes Gebiet im Süden des Bezirks Gomel auch mit Strontium 90 und Plutonium. 2,2 Millionen Menschen lebten zum Zeitpunkt der Reaktorkatastrophe im hoch belasteten Gebiet, nur gut 125.000 von ihnen wurden umgesiedelt. Jetzt leben dort ca. zwei Millionen Menschen, 700.000 davon sind Kinder.

Knapp 20 Jahre nach der Katastrophe gibt es zwar viele medizinische Untersuchungen über die gesundheitlichen Folgen für die betroffene Bevölkerung, aber auch durchaus gegensätzliche Meinungen dazu.

Auf der einen Seite stehen vor allem die von der belarussischen Regierung gelenkten und kontrollierten Behörden und auch die IAEO (Internationale Atomenergie-Kommission). Sie vertreten den Standpunkt, dass die Katastrophe weitgehend überwunden ist bzw. mit staatlich gelenkten „Reparaturen“ bzw. „Rehabilitationen“ bald endgültig überwunden sein wird. Sie konstatieren, dass an Todesopfern lediglich die 31 Feuerwehrmänner, die sofort nach der Explosion eingesetzt und völlig verstrahlt wurden, zu bedauern sind und dass als einzige bewiesene medizinische Folge die Zunahme von Schilddrüsenkrebs bei Kindern und Jugendlichen festzustellen ist.

Auf der anderen Seite gibt es eine große Gruppe renommierter internationaler Mediziner und Kernphysiker, die zu ganz anderen Ergebnissen kommen. Sie rechnen allein in der Gruppe der „Liquidatoren“ (das sind die Männer, die nach der Explosion zu Aufräumarbeiten am Reaktor eingesetzt waren) mit bisher 25.000 – 100.000 Todesopfern. Besonders belorussische Mediziner haben umfangreiche Untersuchungen über den Anstieg der verschiedenen Krankheiten vorgenommen und ausländischen Kollegen übergeben, da sie sie im eigenen Land nicht veröffentlichen dürfen. So liegt z.B. ausführliches Material vor, das beim Tschernobyl-Kongress der Medizinischen Fakultät der Universität Basel im Februar 2003 zum Thema "Gesundheitsfolgen für Kinder in Weißrussland" vorgetragen wurde. (www.umweltinstitut.org). Detaillierte Fakten finden sich auch in dem Offenen Brief der IPPNW Schweiz zum Thema "Strahlenschutz Schweiz gefährdet" in der Schweizerischen Ärztezeitung 2005; 86: Nr. 3 (www.ippnw.ch). Diese Ärztegruppe widerspricht der These, dass die Tschernobyl-Folgen eine „Rehabilitation“ erlauben und hält deshalb auch das neue internationale CORE-Programm, das gemeinsam mit der belarussischen Regierung durchgeführt werden soll, für ungeeignet.

Für den medizinischen bzw. naturwissenschaftlichen Laien ist es nicht ganz einfach, sich ein objektives Bild zu machen.
Da ich seit 1990 viele Kontakte nach Belarus habe, seitdem das Land sehr oft bereiste und seit 1991 jährlich belarussische Kindergruppen hier mit betreue, kann ich aber die dort gewonnenen Erfahrungen und Informationen mit den unterschiedlichen publizierten Behauptungen und Forschungsergebnissen vergleichen und sie anders einordnen, als wäre mir die Situation "vor Ort" nicht bekannt. Ich weiß, wie anfällig Kinder dort sind, wie zahlreich und schwer auch die Erkrankungen bei Erwachsenen auftreten.

Tschernobyl ist überwunden? Die einfache Überlegung, dass die Halbwertzeiten für Cäsium-137 dreißig Jahre und für Strontium 90 achtundzwanzig Jahre betragen (ganz zu schweigen von den Plutonium-Halbwertzeiten!) widerlegt schon diese These. Die Radionuklide sind nicht auf wundersame Weise verschwunden, sondern nach wie vor im vom Fallout verseuchten Boden und im Grundwasser vorhanden. Über die Nahrungskette gelangen sie in den menschlichen Organismus, da Ackerbau und Viehzucht in den verstrahlten Gebieten an der Tagesordnung sind.

Tschernobyl ist überwunden? Bereits eine Nachricht wie diese führt das für mich ad absurdum: Das Umweltamt für Strahlenschutz meldet am 02. 07. 2005 (www.welt.de), dass Waldpilze in Deutschland nach wie vor erhöhte Konzentrationen von Cäsium-137 aufweisen. Besonders im Bayerischen Wald und in Südbayern wurden recht hohe Becquerel-Werte gemessen. Frage: Wenn das mehr als 1.500 Kilometer vom Unglücksreaktor entfernt festgestellt wird, wie hoch sind dann die Konzentrationen nahe daran? (Nebenbei: wie sehen sie in den auf unseren Märkten reichlich angebotenen Pfifferlingen aus den weißrussischen Nachbarländern Polen und Litauen aus?) Und: Welche radioaktiven Belastungen haben Wild und Fisch im Reaktorumfeld, wenn im Herbst 2004 sogar in meiner Region Ostwestfalen-Lippe, in der Senne, das Fleisch der Wildschweine ansteigende Becquerel-Werte zeigte?

Tschernobyl ist überwunden? Wieso stellen wir dann an den Kindergruppen, die wir zur Erholung einladen, immer wieder fest, wie schwach das Immunsystem der Jungen und Mädchen ist, wie sich ein an sich harmloser Infekt ganz schnell ausbreitet und wie viel heftiger und länger sie daran erkranken als z.B. deutsche Kinder? Zuhause sieht es – auch wegen der lückenhaften ärztlichen Versorgung – noch schlimmer aus: Die Schulen in den belasteten Gebieten werden im Winterhalbjahr regelmäßig über Wochen wegen der vielen Krankheitsfälle geschlossen. Aus banalen Erkältungen werden oft schwere Bronchialerkrankungen und Lungenentzündungen. Andere Krankheiten, die wir kaum von Kindern kennen, sind häufig: z.B. chronische Magen- und Darmerkrankungen bis hin zu Magengeschwüren oder Herz- und Kreislaufstörungen wie sonst bei älteren Erwachsenen. Wohlgemerkt: das sind meine eigenen Beobachtungen und die anderer Verantwortlicher aus Tschernobylinitiativen. Die Krankheitsliste lässt sich mühelos erweitern und deckt sich mit den Ergebnissen, die u.a. das Umweltinstitut München und das Schweizerische Ärzteblatt veröffentlicht haben.
Da sind z.B. die Untersuchungen in einer Minsker Kinderklinik, in der zwischen 1997 und 2001 der Gesundheitszustand von Kindern aus Minsk und von Umsiedlerkindern bzw. von deren Nachkommen - jetzt gibt es ja bereits "Tschernobylkinder" von "Tschernobylkindern" - verglichen wurde. In diesem Zeitraum verschlechterte sich der Zustand der Kinder deutlich. 76,4 % aller Krankheiten betrafen den Magen-Darm-Trakt, Fehlbildungen, vor allem Herzfehlbildungen, erhöhten sich um 60 %, die Tumorrate stieg um den Faktor 2,8. (Die gesamten Ergebnisse der Untersuchung sind  unter "Informationen, Zahlen u. Fakten" dieser Homepage zu finden.)
Da sind die Forschungsergebnisse anderer Mediziner, die nachweisen, dass sich Cäsium-137 in einzelnen Organen wie Nieren, Herz und Muskeln um mehr als 10-fach anreichert und diese Organe entsprechend schädigt. Da sind die Augenerkrankungen wie Grauer Star und Linsentrübungen bei Kindern, chronische Harnwegentzündungen, Allergien, Bluterkrankungen und oft sehr schnell verlaufende Tumorerkrankungen. Da sind die besonders traurigen Zahlen zur Neugeborenen-Sterblichkeit mit einem erneuten Anstieg seit 1998. Das wird auf die Strontium-Belastung der werdenden Mütter zurückgeführt mit der Begründung, dass in der Zeit des größten Knochenwachstums, also in der Pubertät, die höchste Strontium-Aufnahme im Skelett stattfindet und die Nuklide dort verbleiben. Embryos junger Mütter der Jahrgänge 1970 – 1975 sind deshalb besonders gefährdet.
Es gehört übrigens zu unseren Erfahrungen vor Ort, dass Schwangerschaften sehr schwer verlaufen, Geburten auch bei jungen Frauen oft sehr kompliziert sind und nur wenige Neugeborene völlig gesund zur Welt kommen. Nach Ultraschalluntersuchungen wird vielen Schwangeren der Abbruch dringend empfohlen, da der Embryo fehlgebildet sei.

Sicherlich: Niemand kann eindeutig beweisen, dass diese gravierenden Gesundheitsprobleme Tschernobylfolgen sind. Dass aber ein signifikanter Anstieg schwerer und schwerster Krankheiten zu verzeichnen ist, steht fest – nicht zuletzt auch, weil z.B. die Tumorerkrankungen vor Tschernobyl in Belarus genau dokumentiert waren und Vergleiche deshalb gut möglich sind.

Zwei Fragen werden oft gestellt:

  1. Warum differieren die Aussagen der "offiziellen" belarussischen Stellen und der IAEO so von denen anderer Wissenschaftler?

  2. Wie gingen und gehen die Menschen in den verstrahlten Gebieten mit den Tschernobylfolgen um?

Zu Frage 1: Die belarussische Regierung ist finanziell schlicht überfordert, die Katastrophenfolgen effektiv aufzufangen. Denn wirklich effektiv wäre nur eine riesige Umsiedlungskampagne in unverstrahlte Gebiete des Landes, Verzicht auf Industrieansiedlungen im Umfeld der Städte Gomel und Mogiljew, Verzicht auf Land- und Viehwirtschaft in der betroffenen Region. Das kann dieses wirtschaftlich schwache Land aus eigener Kraft nicht erbringen. Deshalb werden dort – praktisch von Anfang an – die Tschernobylfolgen verharmlost oder ganz vertuscht, werden Wissenschaftler massiv bis zu Verfolgung hin daran gehindert, ihre Forschungsergebnisse zu veröffentlichen, gibt es in den staatlich gelenkten Medien (und andere sind praktisch verboten) keine sinnvolle Information der Bevölkerung z. B. über die unterschiedliche radioaktive Belastung der einzelnen Nahrungsmittel oder die Bodenbelastungen der einzelnen Regionen. Der Verkauf einer zwischen 1989 und 1993 erhältliche "Strahlenkarte" ist inzwischen verboten. 

Die IAEO aber ist ebenfalls nicht an wirklicher Aufklärung interessiert. Sie ist eng mit der Atomindustrie verflochten und vertritt eindeutig deren Interessen. Da die IAEO innerhalb der UNO eine der WHO (Weltgesundheitsorganisation) übergeordnete Organisation ist, wird auch klar, warum die WHO nicht die gravierenden gesundheitlichen Schädigungen nach Tschernobyl veröffentlicht. Sie ist vertraglich seit 1959 daran gebunden, entsprechende Forschungsergebnisse nur mit Erlaubnis der IAEO zu publizieren. Was nicht in das IAEO-Konzept passt, bleibt unveröffentlicht. (Näheres dazu im Film "Atomare Lügen". Die Video-Version steht unter "Informationen, Kultur, Filme" dieser Homepage zum Download bereit.)

Zu Frage 2: Die Menschen, die mit den Tschernobylfolgen leben müssen, sind zum einen, wie oben ausgeführt, bewusst schlecht informiert worden. Sie sind unsicher und pendeln zwischen Verdrängung, Ängsten, Trotz und Resignation hin und her. Welche Alternativen hätten sie auch? Weil die wirtschaftliche Situation der belarussischen Bevölkerung schlecht ist, greift sie zur Selbstversorgung und baut auf der "Datscha" alles an, was essbar ist, die mögliche Verstrahlung des Bodens spielt keine Rolle. Kaum noch jemand verzichtet auf den Genuss der extrem belasteten Pilze, der Waldbeeren, der selbst geangelten "strahlenden" Fische, denn diese "Lebens(?)mittel" kosten nichts. Seit Jahren wird – offiziell propagiert - stark belasteter Ackerboden wieder bebaut, wird Viehwirtschaft betrieben. Die Erzeugnisse wie z.B. Mehl und Milchprodukte werden mit angeblich sauberen Produkten vermischt und im ganzen Land verkauft. 

Vor neun Jahren besuchte ich mit einer kleinen Gruppe und einer extra dazu ausgestellten Sondergenehmigung die eigentliche Sperrzone, also das angeblich (nicht wirklich!) menschenleere Gebiet im 30-km-Umfeld des Reaktors. Die Kartoffeläcker dort waren abgeerntet. Sehr üppig wuchs auf einem großen Feld die Wintersaat. Daneben stand ein Schild mit der Inschrift: „Staatliches radioaktiv-ökologisches Naturschutzgebiet“. Treffender und gleichzeitig zynischer kann für mich nicht beantwortet werden, in welcher ökologischen Situation sich Belarus befindet und sich auch noch über viele Jahrzehnte befinden wird: Das Land ist ein großes Labor zur Erforschung radioaktiver Substanzen, ein Labor, in dem es nicht Versuchstiere sondern Versuchsmenschen gibt.
Das klingt sehr hart – doch alles andere kommt für mich einer Vertuschungsstrategie gleich, gegen die ich mich stellvertretend für die betroffenen Menschen wehre. 

Detmold, August 2005

Eva Balke,
Bundesarbeitsgemeinschaft
Den Kindern von Tschernobyl in Deutschland e.V.