Jahresbericht 2009 der Bundesarbeitsgemeinschaft „Den Kindern von Tschernobyl“ in Deutschland Drucken
Rundbriefe & Jahresberichte
Donnerstag, den 17. Juni 2010 um 09:15 Uhr

1. Auf das vergangene Jahr können wir einigermaßen zufrieden zurückblicken, wenn wir auf die Kindererholungsreisen 2009 sehen. Alle Kinderreisen haben stattfinden können, alle Kinder durften ins Ausland. Das präsidiale Dekret 555, das die Kinderreisen ins Ausland infrage stellte, konnte außer Kraft gesetzt werden. So sehen wir guten Mutes auch auf die kommende Saison 2010, die jetzt überall vorbereitet wird. Hervorzuheben ist die gute Kooperation zwischen dem Auswärtigen Amt und uns als NGO, uns auf eine vertragsähnliche Vereinbarung zwischen Belarus und Deutschland zu verständigen, um weiterhin die Kinderreisen möglich zu machen. Immerhin wurde ich dann vom Auswärtigen Amt als einzigem Vertreter aus dem Tschernobylspektrum zur Verabschiedung vom belarussischen Botschafter Svkozov in Berlin eingeladen und konnte dort die „Kinder von Tschernobyl“ vertreten.

2. Um so mehr machten uns im Herbst die Nachricht betroffen, dass die EU es abgelehnt hatte, die Stiftung und die Kinder von Tschernobyl zum 1.Treffen eines Civil Society Forums einzuladen. In mehreren Schreiben an die zuständige EU-Kommission haben wir unser Unverständnis und unsere Bitte um Überprüfung dieser Entscheidung wissen lassen und die Tschernobylinitiativen gebeten ihrerseits tätig zu werden. Das ist geschehen, in Brüssel sind etliche Schreiben eingegangen, u.a. auch aus der Schweiz als nicht EU-Land. Es haben sich Bundestags- und EU-Parlamentsabgeordnete eingesetzt. Vergeblich, selbst der Bundesregierung, die auf eine kleine Anfrage der Grünen hin in Brüssel vorstellig wurde, wurde keine konkrete Auskunft erteilt. Die EU-Abgeordneten, die sich untereinander verständigt hatten, kamen zu dem Schluss, dass im Augenblick kein Weiterkommen zu erreichen sei, sie aber weiterhin darauf sehen wollen, was da vor sich geht und wie die „Kinder von Tschernobyl“ zukünftig angemessen vertreten sind. Wer im Internet die veröffentlichte Teilnehmerliste des 1. Treffens aufruft, sieht, daß nicht nur die Stiftung nicht, sondern keine Tschernobylorganisation im Civil-Society-Forum vertreten ist, dafür aber merkwürdigerweise eine Reihe kommerzieller und Verwaltungsorganisationen unter NGO’s geführt werden, von denen man nicht weiß, wer sich dahinter verbirgt.

3. Das erinnert sehr stark an die Einführung des CORE-Programms in Belarus 2003/2004. Angeblich sollte dies Programm auf Anregung einer französischen NGO initiiert worden sein. Wir konnten damals nachweisen, dass sich dahinter ein Studienzentrum der französischen Atomindustrie verbarg. So müssten wir noch einmal auch über das CORE-Programm uns seiner Hintergründe nachdenken, ob es nicht doch, wie schon 2004 befürchtet, das Ende der „Kinder von Tschernobyl“ einschließt. Vieles in den letzten Jahren würde so verständlich, auch die Entscheidung der EU? Nicht einzuschätzen weiß ich die Mitgliedschaft des IBB als NGO-Mitglied im CORE-Programm.

4. In meinen Beiträgen zu 20 Jahre Stiftung und 15 Jahre BAG habe ich versucht, die Hintergrundlinien herauszuarbeiten. Leider haben wir diese beiden „Jubiläen“ nicht begehen können wie im letzten Jahr schon mal angedacht. So kann ich darüber auch nicht berichten und nur meine Beiträge als ein Stück Würdigung einer einzigartigen Geschichte anbieten. Über ihre Implikationen und Einschätzungen hat es schon in Erfurt einige Auseinandersetzungen gegeben, Ludwig von Behren sah in den Berichten einen Angriff auf das IBB und ließ mich das später auch schriftlich wissen.

5. Erfreut können wir auch auf das Jugendprojekt Futura 2009 zurückblicken, an dem die Initiativen in Betzdorf, Leonberg und Betzdorf beteiligt waren. Darüber können andere besser berichten und wurde bereits ausführlich beim Jahrestreffen der BAG in Erfurt berichtet. Über Einzelheiten können andere besser Auskunft geben. „futura“ soll auch in diesem Jahr stattfinden. Leider haben sich bisher keine neue Initiativen angeschlossen. Der Sprung von den Kinderreisen zur Jugendarbeit scheint schwer zu sein. Vielleicht genügte es, statt eines eigenen Programms einige belarussische junge Leute in bestehende Jugendprogramme einzubeziehen. Das überlegen wir z. Zt. in Münster mit der Arbeitsstelle Weltbilder. Eine Jugendkonferenz fand im Oktober wieder in Minsk statt. Sehr unsicher war bis zuletzt die Finanzierung.

6. Man kann sich überhaupt nur wundern, dass und wie in Minsk die Arbeit weiterläuft. Das gilt für die Arbeit mit den „Gefängnismädchen“, die „Diabetesschule“ u.a.m. trotz massiver Beschränkungen. So musste Haus Malinowka geräumt werden, weil in dem Gebiet ein neues Wohnviertel gebaut werden soll. Das wahr wohl ein sehr schmerzlicher Abschied, zumal kein Ersatzlagerraum zu finden war.

7. Ernste Sorgen müssen wir uns um unsere Freunde machen. Die Situation, in der sich Irina und Gennadij befinden, ist bekannt. Von ihnen hängt ganz wesentlich die Weiterarbeit ab. Gennadij hatte bereits 2008 in Kassel die Umgestaltung der Stiftung angekündigt. Bisher hat sich noch nichts Konkretes realisieren lassen. Können wir etwas anderes tun als warten?

8. In Erfurt hatte ich schon auf die angespannte finanzielle Situation hingewiesen. Damit stellen sich noch verstärkt die Organisationsfragen für die BAG. Ist es jetzt Zeit, das umzusetzen, was wir im letzten Jahr andiskutierten (Protokoll)?.

9. Der 25 Tschernobyltag im nächsten Jahr hat schon seine Schatten voraus geworfen. So erreichte mich Ende November 09 die Anfrage des IBB, ob wir als BAG mit einladen zu einer Vorbereitungskonferenz im April 2010 in Dortmund. Ich nannte gleich 3 Eckpunkte, die für uns wichtig sind: 1. Es gilt die Vielfalt und den Reichtum der Tschernobylinitiativen zu achten, 2. Nicht nur der Opfer sind zu gedenken, sondern auch die Hintergründe zu benennen. 3. Von vornherein ist ein Einvernehmen mit der Stiftung sicherzustellen. Leider ist es zu keiner Verständigung mit dem IBB gekommen. Die Stiftung wurde nicht kontaktiert wie gebeten und bewusst ausgeschlossen, so dass wir wie sonst auch keine Möglichkeit sahen, nur als BAG anzutreten. So ist die Einladung des IBB ohne BAG ergangen. Bis heute haben wir auch keine Einladung zum Vorbereitungstreffen selbst erhalten.

10. Mit der Stiftung zusammen habe ich dann das Projektvorhaben von BAG und Stiftung zum 25.Jahrestag konkretisiert, mit Friedensfahrt durch Europa und Kerzenaktion überall mit dem Zielpunkt einer Mahnwache in Genf für eine freie WHO. Schon in Erfurt konnten wir uns Gedanken machen über eine Beteiligung von unserer Seite. - wir hatten das Glück, dass eine Schweizer Teilnehmerin aus Genf uns von der ständigen Mahnwache dort berichtete. Zuvor hatte schon Dörthe Siedentopf Kontakt zu den Organisatoren/innen in Genf aufgenommen. Jetzt muss es an die konkrete Vorbereitung gehen.

11. Damit sind wir schon beim Vorblick. Alles hängt davon ab, ob und wie die Stiftung weiterarbeiten kann, jedenfalls für die BAG. Sie ist von ihrem Selbstverständnis und ihrer Satzung her an die Stiftung gebunden, auch wenn es heißt, dass sie offen ist für alle demokratischen Organisationen. Aber gibt es sonst in Belarus solche Partner? Die einzelnen Initiativen können sicher auch ohne BAG weiterarbeiten, jedenfalls die, die inzwischen ihre festen Partner haben. Aber auch da ist Achtsamkeit geboten. Wird es noch um Tschernobyl gehen? Wird es zukünftig nicht mehr um Tschernobyl gehen, sondern – wie von Anfang an vom Nuklearkomplex suggeriert - um das Thema Armut, staatliche verwaltete Armut, und entsprechender „humanitärer Hilfe“? (Da sind wir wieder beim CORE - Programm).

Burghard Homeyer