Die Kinder von Tschernobyl werden erwachsen Vor acht Jahren kamen die ersten ausgewählten Tschernobyl-Kinder in unsere Familien. Sie kamen aus den "Zonen" den hochverstrahlten Dörfern Weißrusslands, die nach Auffassung der Wissenschaftler längst hätten evakuiert werden müssen. "Ausgewählte"! weil ihr Körper vom ersten Atemzug an einen verbissenen Kampf gegen den unsicht- baren und doch allgegenwärtigen Feind Tschernobyl kämpfen mussten. "Ausgewählte"! weil sie von den tagtäglichen lautlosen Angriffen auf ihre Gesundheit geschwächt waren und dringend Erholung an Leib und Seele brauchten. "Ausgewählt"! - nach beklemmenden Auswahlkriterien, die in uns tiefes Mitleid weckten, ja, aber Hoffnung?, kaum! Und dennoch! Heute, nach acht Jahren haben fast alle Kinder überlebt, sind zu lebensfrohen Jugendlichen mit Wünschen und Erwartungen, Hoffnungen und Forderungen an das Leben herangewachsen. Wiederum "Ausgewählte", diesmal, um die Zukunft in ihrer von Diktatur und Armut gedemütigten sowie von Tschernobyl gezeichneten Heimat zu bewältigen. Sind sie gerüstet für eine so schwere Aufgabe, müssen wir uns fragen. Ja wir, die Gastfamilien, die Initiativen - denn auch wir tragen Verantwortung für diese Heranwach- senden, die wir Jahr für Jahr zu uns holten in der guten und richtigen Absicht zu helfen. Jedes Wissen schafft Verantwortung! Je häufiger die Kinder über die Hoffnungsbrücke zu uns kamen, je mehr Informationen wir über diese kleinen Botschafter von ihrer Heimat erhielten, über das persönliche wie gesellschaftliche und politische Leben, um so stabiler und tragfähiger wurde die Brücke der Hoffnung auf der einen und die der Mitverantwortung und Solidarität auf der anderen Seite. Heranwachsende, die ein Alltagsleben unter staatlicher Bevormundung, Einschüchterung und Willkür führen müssen, beginnen am sichtbaren Ver- gleich nachzudenken, ob auch Selbstbestimmung und Demokratie eine Chance verdienen. Heranwachsende, die sich in einem Lebensraum drückender Armut unter dem lähmenden Diktat von Planwirtschaft bewegen, beginnen am sicht- baren Vergleich nachzudenken, ob Eigeninitiative und marktwirtschaftliches Denken auch eine Chance verdienen. Heranwachsende, denen nationale Abschottung verordnet werden soll mit der Errichtung außernationaler Feindbilder, beginnen im sichtbaren Vergleich nachzudenken, ob nicht internationale Begegnungen und Solidarität eine Chance verdienen, um die Entwicklung einer Kultur des Friedens und der Gewaltlosigkeit innerhalb der Jugend dieser Welt nachhaltig zu fördern. Die Jugendlichen von Tschetschersk haben nachgedacht. Sie wollen nicht nachahmen, sondern selbstbewusst neugestallten. Sie wollen eigenverantwortlich und gruppenverantwortlich tätig werden. Sie wollen Phantasie und Verstand einsetzen. Sie wollen friedlich sein und sozial engagiert tätig werden. Sie betrachten das Jugendzentrum als ihre Zukunftswerkstatt, in der wie in jeder Werkstatt gedanklich und praktisch gearbeitet wird, in der Versuche und Pläne gemacht und in der Fertigkeiten entwickelt werden, in der aus Modellversuchen gültige Endprodukte gefertigt werden, die in der Zukunft einen bestimmten Zweck erfüllen sollen. Eine Werkstatt ist ein Ort, in dem aus Lehrlingen Gesellen und aus Gesellen Meister heranreifen - durch Begabung, durch Fleiß und durch Erfahrung. Wir wünschen dem Jugendzentrum Tschetschersk, dass es ein "Meisterbetrieb" werden und viele junge Menschen aus der Region anziehen möge! Das Jugendzentrum Tschetschersk wurde und wird von der Tschernobylhilfegruppe des Caritasverbandes materiell wie finanziell beim Aufbau sowie der Ausgestaltung und der zukünftigen Projektarbeit unterstützt. Die derzeitige Leiterin des Jugendzentrums Tschetschersk ist Anzhela Doroschko, Sozialpädagogin. Es ist geplant, im Juni 2001 eine erste Gruppe von Jugendlichen des Jugendzentrums mit ihrer Leiterin nach Betzdorf einzuladen. Interessierte (Jugendgruppen, Schulen usw.) sind herzlich zur Mitarbeit eingeladen. Nähere Auskunft: Dr. B. Haubrich 02741-6765 Jugendzentrum Tschetschersk Dr. Barbara Haubrich, Kirchen
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