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21.09.2010
Verstrahlte Pfifferlinge im Handel entdeckt
Pfifferlinge aus Osteuropa sind manchmal strahlenbelastet.
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29.03.2009
Der Reaktor lebt und tötet weiter

London (dpa) Auch mehr als 20 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl dezimiert die radioaktive Strahlung die Zahl der Insekten in der Region. Das hat eine Zählung bei Hummeln, Schmetterlingen, Libellen und Grashüpfern gezeigt.


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Ein neuer Film von Stefan Heinzel (89 Millimeter)


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Praxis der Visumsvergabe an der Deutschen Botschaft in Minsk, Belarus
Kleine Anfrage der Abgeordneten Marieluise Beck Bündnis 90/Die Grünen (Bremen)
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10.04.2008
NRW-Landesversicherungen für das Ehrenamt


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Infos Reisen und Hilfslieferungen
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„Die Kinder von Tschernobyl“ heute PDF Drucken E-Mail
Berichte & Reportagen
Samstag, den 27. Januar 2007 um 17:53 Uhr

Kassel 25.11.06 BAG-Treffen Kassel
Prof.Gennadij Gruschewoi


Vielen Dank für die Einladung.
Guten Tag, ich freue mich sehr, so viele Stiftungsfreunde hier wiederzusehen. Viele Grüße von der Stiftung und Assoziation und persönlich von Irina Gruschewaja. Gewöhnlich kommt sie zu den BAG-Treffen, aber jetzt hat sie sehr wichtige ökumenische Termine, und leider ist sie nicht da. Aber ich versuche mit Hilfe meines Freundes Georg, einige wichtigste Informationen mitzuteilen und später dann auf Fragen zu antworten. Ich werde weiter auf Russisch sprechen, es wird ein bisschen korrekter, als wenn ich auf Deutsch spreche. Ich muss ganz korrekt sein mit meiner Rede.

In meiner Einführungsrede behandele ich fünf Thesen, um fünf prinzipielle Punkte zu klären.
Als erstes eine kurze Information über die Situation bezüglich der Radioaktivität in Belarus und über den Gesundheitszustand der Bevölkerung.
Zweitens die gegenwärtigen Prioritäten der Regierung von Weißrussland im Blick auf die Tschernobylprobleme.
Drittens, auch kurz, die Beziehungen des Staates zu den Nichtstaatlichen Organisationen (NGO’s) insgesamt und speziell zu den humanitären Tschernobylinitiativen.
Das wird der erste Teil meiner Ausführungen sein.

Der zweite Teil hat zwei Punkte, eine kurze Rechenschaftslegung über die Arbeit der Stiftung im Jahr 2006 und die Hauptprobleme, die gegenwärtig für unsere Arbeit bestehen, und die Perspektiven ihrer Lösung.

Also, in ganz Weißrussland ist die radiaktive Verstrahlung insgesamt um einige Prozente gesunken. Das gibt der Regierung, dem Staat die Möglichkeit zu behaupten, dass es eine radioaktive Gefahr in den meisten Gebiete nicht mehr gibt. Allerdings, die Forschungsergebnisse der weißrussischen Wissenschaftler kann man heute nicht mehr erhalten, sie sind unter Verschluss. Und trotzdem, selbst die Ergebnisse, die mir auf persönlichen Wegen zugänglich geworden sind, künden davon, dass die Verstrahlung speziell in der oberen Erdschicht noch stark vorhanden ist. Die meiste Verstrahlung befindet sich gegenwärtig in den oberen 30-50cm der Erdkrume. Das ist für die meisten Pflanzen der Bereich der Wurzeln, des Wurzelsystems. Und das bedeutet, dass die Radionuklide in erster Linie in die Nahrungsmittelkette eintreten. Und am meisten ernähren sich natürlich mit dieser Produktion die Haustiere und dann in zweiter Linie die Menschen.
Die Untersuchungen von Prof. Nestorenko zeigen, dass in den verstrahlten Gebieten 10% der Bevölkerung eine Verstrahlung erhalten, die nicht zulässig ist, über den „Grenzwerten“ liegt. Und das natürlich zusätzlich zu der Verstrahlung, die in den vergangenen zwanzig Jahren durch die Menschen aufgenommen wurde, die dort leben. D.h. die radioaktive Verstrahlung ist so, dass es sich absolut verbietet - unmöglich ist - zu sagen, dass es dort keine Gefahr mehr gebe.
Leider ist die offizielle Position des Staates eine andere. Der Staat behauptet, dass die Einflüsse auf den Gesundheitszustand den vergangenen Jahren angehören und heute eigentlich nicht mehr wirksam seien. Und das liefert natürlich dem Staat die Begründung, in großen Maßstäben die landwirtschaftliche Produktion in den verstrahlten Gebieten wieder aufzunehmen und zu entwickeln.

Wir, die Stiftung, die Wissenschaftler und die Mitarbeiter vieler humanitärer Organisationen, die sich mit Tschernobyl befassen, kritisieren diesen Standpunkt der Regierung und betrachten ihn als äußerst gefährlich.
Und das wird bestätigt durch die negative Entwicklung des Krankenstandes der Bevölkerung im ganzen. Ihr mögt wissen, schon das siebente Jahr fällt die Bevölkerungszahl in Belorussland stark, wobei prozentual die Sterblichkeit bei Kindern bis zu einem Jahr etwa gleich hoch ist wie in Deutschland. Das Sinken der Bevölkerungszahl ist deshalb nicht in erster Linie auf die Kindersterblichkeit zurückzuführen, sondern vor allen Dingen auf andere Bevölkerungsteile. Die Sterblichkeit ist aber auch nicht schlechthin mit dem Alterungsprozess verbunden, denn die meisten, die sterben, sind noch im vollen Lebensalter, 45 Jährige und ältere sterben. Andererseits hat sich die gesundheitliche Fürsorge für die Bevölkerung auch im Zusammenhang mit der ausländischer Hilfe, eurer Hilfe, in den letzten Jahren tatsächlich wesentlich verbessert. Trotzdem musste das Gesundheitsministerium feststellen, dass bei der Analyse der letzten vier Jahre der Gesundheitszustand der Bevölkerung sich weiter verschlechtert.
Gleichzeitig aber ist in den letzten vier Jahren die Zahl der Neugeborenen, der Kinder, die schon mit Schäden geboren werden, um weitere 30% gestiegen.
D.h. die medizinische Versorgung ist besser geworden, die Zahl der Kinder, die sterben, ist geringer geworden, und trotzdem wird die Bevölkerungszahl immer kleiner.
Es gibt einige statistische Angaben, aber leider sind diese statistischen Angaben nicht nach Regionen differenziert. Wir sind heute nicht in der Lage z.B., statistische Angaben zu erhalten zur Gesundheit der Kinder der Umsiedler. Aber vor vier Jahren, da haben wir noch eine Konferenz durchführen können speziell zu wissenschaftlichen Untersuchungen dieser Kindergruppe. Diese Konferenz hat gezeigt, dass bei den üblichen Erkrankungen, die so auftreten, bei den Kindern der Umsiedler diese Erkrankungen 2,4 ja 8fach so stark auftreten wie bei anderen Kindern.
Es gibt bei uns einen positiven Fakt: in den letzten Jahren ist die Zahl der Erkrankungen von Kindern an Schilddrüsenkrebs gesunken. Doch ist das nur der Tatsache geschuldet, dass seit der Tschernobylkatastrophe zwanzig Jahre vergangen sind. Die Kinder, die damals den Schlag abbekommen haben und inzwischen an Schilddrüsenkrebs erkranken, tauchen ja nicht mehr in der Kinderstatistik auf, sondern werden ja schon in der Erwachsenenstatistik erfasst. Und die Kinder, die jetzt im verstrahlten Gebiet geboren werden, die erhalten die höchste Strahlenbelastung nicht durch radioaktives Jod, was ja bekanntlich den Schilddrüsenkrebs hervorruft. Cäsium, Strontium führen ja nicht zur Erkrankung der Schilddrüse.
Dann gibt es noch einen schwerwiegenden medizinischen Fakt: Herzinfarkte treten verstärkt bei jungen Leuten auf – schon ab dem 15ten Lebensjahr. Das waren früher einmal Einzelfälle, dass in fünfzehn Jahren mal ein Fall aufgetreten ist. Hunderte, wenn nicht Tausende junger Leute erleiden heute einen Herzinfarkt. Jetzt erfüllen sich die Prognosen, die Prof. Bandaschewski schon vor Jahren gemacht hat. Bandaschewski hat schon 1997 gesagt, dass im Laufe der Zeit durch die ständige Aufnahme der Strahlung das Herz-Kreislaufsystem stark auf diese Strahlenbelastung reagieren wird. Aber damals hat die Regierung, der Staat ihm nicht erlaubt, seine Untersuchungen weiterzuführen. Ihr wisst, dass er ins Gefängnis gesperrt wurde, dort eine Zeit abgesessen hat, und jetzt ist er aus Weißrussland ausgereist. Er hat gesagt, er kann dort in Weißrussland die Arbeit als Wissenschaftler nicht fortsetzen. Er braucht ein Laboratorium, er braucht ein Institut, nichts davon erhält er vom Staat.
Dazu kommt, dass auch weiterhin die Zahl der onkologischen Erkrankungen steigt. Erkrankungen steigen, die mit der Schwächung, der Störung des Immunsystems zusammenhängen.
Also, sogar diese wenigen, uns zugänglichen statistischen Angaben beweisen, dass man von einer nicht mehr vorhandenen Gefahr nicht reden darf. Und trotzdem - gewöhnen sich die Menschen daran, unter solchen Bedingungen zu leben. Die Leute wollen heute gute Medizin, um die kranken Kinder zu heilen, aber sie verstehen nicht, wie man die noch gesunden Kinder schützen kann vor noch bevorstehenden Erkrankungen. Und mehr und mehr ist für die Leute dieses Thema abgeschlossen.
Wir haben als Stiftung ja in vielen Kreisen unsere regionalen Gruppen und Vertreter, mit denen wir schon seit über fünfzehn Jahren zusammenarbeiten. Und ich sehe, dass selbst bei diesen ehrenamtlichen Aktivisten mehr und mehr sich die Meinung breit macht, du kannst daran nichts ändern, die Erkrankungen werden halt weiter sein, man müsse sich damit abfinden. Das ist ein sehr beunruhigendes Ergebnis, ein wichtiges, beunruhigendes Ergebnis dieser Gewöhnung an das Leben unter diesen Bedingungen.

Doch die Möglichkeit, auf das Bewusstsein all dieser Menschen Einfluss zu nehmen, die sind uns unter den heutigen Bedingungen so beschnitten, dass sie faktisch nicht mehr bestehen. Die Massenmedien sind für uns nicht erreichbar, und die Durchführung von Aufklärungsseminaren oder ähnlichem stehen nur unter der Kontrolle des Staates, und das erlaubt nicht, über solche Dinge die Wahrheit offenzulegen.
Demgegenüber sind die Stadien, die Sportstätten, die Lukaschenko jetzt bauen lässt, ein Mittel, um den Eindruck zu erwecken – in der Tat entsteht der Eindruck - , dass der Staat sich um die Leute kümmert. Aber, immer weniger gesunde Kinder können in diesen Stadien Sport treiben. Bei uns ist faktisch der Kindersport in den letzten Jahren regelrecht verfallen. Belarus brauchte in erster Linie Rehabilitationszentren, und erst in zweiter, dritter Linie oder dann irgendwann Sportstätten. Doch das Regime ist halt mit solch einer Vorzeigegeschichte, dass man Stadien, Sportstätten baut, nur darum bemüht so zu tun, als gäbe es diese Probleme nicht mehr.
Natürlich, ich verstehe, dass für einen einfachen Menschen so ein Stadion – und da wird noch eins gebaut und noch eins – dass das natürlich für ihn eine großartige Sache ist. Aber wenige von diesen einfachen Menschen wissen, dass die Mehrheit der Sportler höherer Qualifikation in Wirklichkeit außerhalb des Landes leben und trainieren. „Unser Olympiateilnehmer Gymnastik“, der in China auftreten will - er lebt und trainiert in den USA. „Die Ruderer“, die bekannteste Truppe, die sie haben - eine Frau lebt schon seit acht Jahren in Deutschland, und trainiert in Deutschland und nicht in Weißrussland. „Unsere Hockeyspieler“ - sie leben entweder in Russland oder in Europa und nicht in Weißrussland. Also bitte, Stadien, kranke Kinder und Olympiasieger? Wieviel Olympiasieger oder –teilnehmer hat doch Weißrussland ! Und man sagt: Mensch, wir sind eine gesunde Nation. Doch die meisten von ihnen leben schon lange nicht mehr in Weißrussland.

So, jetzt kommen wir schon zum dritten Punkt: die Prioritäten des Staates, wir haben sie ja schon angesprochen. Schon seit 2002 betrachtet der Staat die Tschernobyl-Territorien des Landes immer mehr als Gebiet einer effektiven Wirtschaft.
Die Hauptinvestitionen des Landes gehen in die Entwicklung der Landwirtschaft und der territorialen Produktion in diesen Gebieten. Im vorigen Jahr hatte Weißrussland eine Rekordernte an Getreide von 7 Millionen. Lukaschenko hat dies als großen Sieg seiner Regierung, seiner Macht dargestellt. Mehr als die Hälfte dieser Getreideernte ist erzielt worden in den Gebieten Gomel, Mogilow und Brest, in den Tschernobylgebieten. Wenn in den 90ziger Jahren diese Gebiete landwirtschaftlich nicht genutzt wurden, und die Ernte im Land 5 ½ Millionen betrug, dann bezieht heute praktisch das gesamte Land die Ernte aus diesen verstrahlten Gebieten. Und die gesamte staatliche Propaganda, die Medien stellen das dar als Sieg des Schöpfertums über Tschernobyl. Aber ihr werdet verstehen, dass das in Wirklichkeit eine verbrecherische Darstellung ist - eine Ausbeutung des Bodens, der heute noch keine saubere Produktion bringen kann. Heute kann man fast in jeder Woche Reportagen sehen aus Tschetschersk oder in Stolin, wie effektiv dort die landwirtschaftliche Produktion entwickelt wird, Menschen dort Arbeitsplätze bekommen – ja, und wenn man das von einem bestimmten Standpunkt aus sieht, ist das ein gewisses Plus.
Aber warum gibt es diese Entwicklung nicht in der sauberen Zone? Hier hat eine große, böse Rolle das Programm CORE gespielt. CORE hat vorgeschlagen: Millionen westlicher Gelder in diese Tschernobylgebiete, um dort das Lebensniveau zu verbessern, dass die Menschen sich dort gut fühlen und aktiv werden. Und im Ergebnis dieser 20 Mill. Euro: sie werden nicht genutzt, um eine effektive Wirtschaft in den sauberen Gebieten aufzubauen, sondern die verstrahlten Gebiete zu reaktivieren.
Und sofort ist die zweite Seite sichtbar. Dort, wo das Programm CORE effektiv arbeitet, dort sterben inzwischen alle humanitären Initiativen. Wie diese Initiativen schon keine Unterstützung erhalten von den Staatsorganen, so natürlich auch nicht von den ausländischen Investoren, denn die machen alles über CORE. Und die Leute sehen, dass das Geld, was aus dem Ausland kommt, für den Aufbau dieser Gebiete und nicht für die Gesundheit eingesetzt wird, weil das ihre Lebensgrundlage schafft.
Vertreter der westlichen Staaten haben offiziell erklärt, dass sie für die Mitarbeit der nichtstaatlichen Organisationen im CORE-Programm eintreten, aber nicht eine unabhängige nichtstaatliche Organisation ist gegenwärtig an CORE beteiligt. Mit Geld für CORE werden in Belarus pseudo-nichtstaatliche Organisationen gegründet. Das ist ein Teil dieser staatlichen Maschinerie. Und die europäischen, die ausländischen Vertreter finden das normal.
Natürlich, wir müssen etwas unternehmen um einzuschätzen, was CORE den Menschen wirklich gebracht hat. Es wäre nicht nur eine Aufgabe der BAG, sondern aller Initiativen in den verschiedenen Länder, das deutlich zu machen. Sie sehen das doch selbst. Und es wäre besonders wichtig, dass diese Bewertung vor allem diejenigen Initiativen treffen, die schon seit Jahren in Weißrussland arbeiten oder gearbeitet haben.
Es versteht sich, dass eine solche staatliche Politik in Weißrussland sich auf die Tätigkeit und Möglichkeiten der Nichtstaatlichen Organisationen auswirkt. In den letzten zwei Jahren geht schrittweise, planmäßig eine Vernichtung der Strukturen der nichtstaatlichen Organisationen vor sich. Der entscheidende Schlag wird gegen die Organisation, die Strukturen geführt. Einzelne Leute in den Gebieten, die sind nicht interessant für das Regime. Sobald eine Struktur einer nichtstaatlichen Organisation in den Kreisen oder Orten vernichtet oder zerstört ist, im selben Moment gelingt es, die aktiven Einzelpersonen in die staatliche Arbeit einzubinden.
Für die nichtstaatlichen Menschenrechtsorganisationen, ökologischen Organisationen, Jugendorganisationen genügt nur ein offizielles Instrument ihrer Liquidierung: das ist der Beschluss des Gerichts. Aber für die Tschernobylorganisationen hat der Staat einen zweiten Mechanismus geschaffen: das eine, das Gericht besteht weiter, aber das zweite Instrument, das sind die so genannten Lizenzen. Wenn eine Organisation keine Lizenz hat – ob für die Kindererholung, ob für humanitäre Tätigkeit oder anderes -, bedeutet das praktisch das Ende dieser Organisation. Und man braucht gar kein Gericht und gar kein Verbot. Mir hat man dreimal in diesem Jahr (2006) vom Departement angedroht: „wir entziehen Ihnen die Lizenz“ – aus einem beliebigen Anlass. Ein Beispiel, ein Vertrag über die Autobustransporte von Kindern. Man sagt mir, „dieser Vertrag ist nicht richtig“. Wir sagen, dann zeigt uns doch, wie das richtig sein muss. Aber einen Vordruck, eine Vorlage gibt es nicht. „Ja der Jurist hat gesagt, das wäre nicht richtig. Schreibt einen neuen Vertrag.“ Wir machen einen zweiten. Nach einer Woche teilt man uns mit, der ist nicht richtig. Wir nehmen euch die Lizenz weg, wenn Ihr das nicht richtig macht. Ich bin fünf Wochen, fast jeden Tag zum Departement gelaufen, bis sie den Vertrag akzeptiert haben. Die Beamten zeigen dir nicht ein Muster, nach dem du dich richten kannst, sondern sagen, „was du gemacht hast, ist falsch“.

Wenn man auf die allgemeine politische Situation in Weißrussland reflektiert, kann man in aller Kürze folgendes sagen: die Macht Lukaschenkos innerhalb des Landes hat sich wesentlich verstärkt. Einen realen starken Widerstand in Weißrussland gibt es nicht. Die demokratischen Parteien sind von der Bevölkerung im Land isoliert, eine direkte Unterstützung der oppositionellen Aktionen zählt höchstens zwei bis drei Prozent in Weißrussland. Die einen haben diese Macht akzeptiert aus Angst, und die anderen haben Angst vor Veränderungen - sie haben richtiggehend Angst, dass sich etwas verändert. Das ist die Psychologie, die in der Bevölkerung Weißrusslands vorherrscht. Für die Staatsmacht ist der politischen Einfluss der Opposition gegenwärtig völlig ungefährlich.
Jetzt ist das Regime bemüht, das Land von allen unabhängigen, nichtstaatlichen Organisationen zu „befreien“. Ich habe einmal analysiert und habe festgestellt, es gibt drei Typen von nichtstaatlichen Organisationen. Und habe analysiert, wie das Verhältnis des Staates zu diesen drei Typen von nichtstaatlichen Organisationen aussieht. Der erste Typ: eine nichtsstaatliche Organisation, die unabhängig bleiben, aber nichts untenehmen will gegen die staatliche Macht, die über ihre oppositionelle Haltung keine Anzeichen nach außen gibt. Im Verhältnis zu dieser Art nichtstaatlicher Organisation, ist es so, dass der Staat die Tätigkeit in einem engen Rahmen eingrenzt: über sie wird nicht in der Öffentlichkeit informiert, und ihre Möglichkeiten auf den Kontakt mit den Menschen begrenzt. Öffentliches Wirken, Seminare, Publikationen und ähnliches wird sehr stark eingegrenzt und beengt.
Da gibt es nichtstaatliche Organisationen, die sich in Opposition befinden, aber die keine Protestaktionen organisieren. Sie kritisieren, sie treten auch offen auf wie wir z.B., sie bewerten die Entwicklung, die negativen Tätigkeiten der Macht. Es mag vielleicht 40 NGO's dieser Art in Weißrussland geben. Im Verhältnis zu diesen Organisationen übt das Regime eine ständige Pression durch die staatlichen Organe aus: ununterbrochen – Finanzinspektionen, staatliche Organe, das Ministerium für Justiz, das Departement für humanitäre Hilfe - jede Woche kommt jemand und kontrolliert. Kontrolle, Kontrolle. Jede Kontrolle endet damit: „das ist nicht richtig, das ist nicht richtig“ und immer ist sie verbunden mit Drohungen. Unter solchen Bedingungen zu arbeiten, ist furchtbar schwer. Und der Staat rechnet offenbar damit, dass diesen Organisationen die Puste ausgeht, sie von alleine aufhören.
Dazu kommt, dass der Staat diskreditierende Informationskampagnen gegen solche Organisationen organisiert, damit die Leute annehmen: ach, das sind irgendwie nicht gute. Dagegen entzieht man diesen Organisationen alle Möglichkeiten, sich an irgendwelche Bevölkerungskreise zu wenden, versucht, sie von der Bevölkerung zu isolieren.
Und die dritte Art von NGOs, die sich vorrangig mit oppositioneller Tätigkeit befasst: sie sind praktisch schon alle zu. In den letzten zwei Jahren sind 36 NGO's in Weißrussland liquidiert worden. Dazu zählen Organisationen, die sich den Menschenrechtsschutz auf ihre Fahnen geschrieben haben, Jugendorganisationen, ökologischen Organisationen. Gegenwärtig ist das Regime bemüht, das Helsinki - Komitee in Weißrussland zu liquidieren. Schon seit einem halben Jahr hat dies Helsinki-Komitee keinen juristischen Status mehr und auch kein Konto mehr.

Ähnlich wendet sich die Staatsmacht jetzt unserer Stiftung zu. Im vorigen Jahr wurden wir aus unserem alten Büro, das wisst ihr ja, in der Starovilenskaja auf die Straße gesetzt. Zwei Monate habe ich darum gebeten, uns eine Alternative anzubieten. Wir hatten ja ein offizielles Büro, das uns die Stadt damals in der Starovilenskaja gegeben hat. Die Antwort: „also, es geht nur auf kommerzieller Basis, tretet ein in den Wettbewerb und seht dann zu, dass ihr was bekommt“. Dieses Büro in der Starovilenskaja - da gab es eine offizielle Erklärung – „das müsst ihr freimachen, weil dieses Gebiet durch Lukaschenko zu einem Erholungszentrum ausbauen werden soll“. Als wir nicht mehr da waren, ist dort ein Schönheitssalon eingerichtet worden, ein Schönheitssalon! Doch keine weitere Organisation, die vorher dort im Viertel drin war, hat dieses Territorium verlassen. Da gab es ja viele kommerzielle und andere Organisationen, die sind alle geblieben, doch nur wir waren raus, mussten raus. Nur durch persönliche Kontakte konnten wir eine gute Alternative finden.
Wir haben dies Jahr über gut gearbeitet. Wir haben praktisch alle unsere Programme weiter verwirklicht. Kindererholung - alle Gruppen sind gefahren, nicht eine Gruppe ist nicht gereist. Wie vorher: acht Länder empfangen Kinder über uns. Auch heute noch wird dies Programm durchgeführt, auch wenn es immer schwieriger wird. Wir haben eine Konferenz in Belinitschi durchgeführt, das Frauenprogramm in Malinowka bringt sehr gute Resultate - vielen Dank allen, die dieses Programm unterstützen. Wir haben ein Programm „Leben mit Diabetes“, wir haben das Programm für Kinderinvaliden fortgesetzt, der Club für einsame Alte arbeitet, wir haben sogar ein halbes Jahr lang die Armenküche verteidigen können. Aber dieses Programm hat uns praktisch die Regierung verboten. Ich kann euch erzählen, wie das passiert ist. Wir planen auch im kommenden Jahr diese Programme fortzusetzen.
Alle Aktivisten, die in diesen Programmen gearbeitet haben, sind da. Wir haben Gruppen in den Regionen, die sehr aktiv diese Programme unterstützen. Es ist schwer geworden, aber wir sind enger zusammengerückt. Der Wille bei den Leuten weiter zu arbeiten, ist vorhanden. Doch keine einzige Organisation im Land – eine regionale Gruppe unserer Organisation, der Stiftung - hat einen juristischen Status. Und wir selbst, sowohl die Assoziation als auch die Stiftung, und auch die Zukunftswerkstatt, wir sind heute illegal – formal -, denn wir haben im Moment keine juristische Adresse.
Das ist noch so ein Mechanismus der Vernichtung der NGO’s. Eine juristische Adresse kann man nur haben, wenn man ein offizielles Büro hat, also nicht privat in einer Wohnung. Aber in Minsk z.B. sind 99% der Gebäude mit Büroräume staatlich und 1% das sind die Businesscenter. Ich kann schon seit einem Monat keine Alternative finden für das Büro in der Revolutionsnaja. Wenn wir bis zum 1.Januar keine juristische Adresse finden und sie im Ministerium für Justiz nicht neu registrieren lassen, dann können wir ab 1. Januar 2007 offiziell, legal nichts mehr tun. Genau das ist die Hauptfrage, über die wir uns gerne in Kassel nach dem Essen beraten würden.

2.Teil

Ich brauche noch fünf Minuten für die konkrete Frage unserer weiteren Aktivitäten, Projekte, Tätigkeiten. Wir haben vorhin damit aufgehört, dass in der gegenwärtigen Zeit die Stiftung und die Assoziation keinen legalen Status besitzen. Ich möchte aber nicht, dass ihr darüber erschrocken seid. Aber selbst in dieser Zeit – November/Dezember – haben wir nicht eins unserer Projekte oder Projektvorhaben fallen gelassen. Ich möchte als Beweis dafür euch unser Programm für die 11. Jugendkonferenz übergeben, die am 15./16.12. stattfinden soll. Hier ist es auf deutsch, erst mal durchzusehen.

Bevor wir über viele technische Probleme weiter reden, die in dieser Zeit entstanden sind, möchte ich, dass wir gemeinsam nachdenken, als was oder als wer wir diese Arbeit fortsetzen wollen, wofür wir das machen, worum wir das machen.
Wenn es so schwer ist in Weißrussland zu arbeiten, wenn ihr, Leute, die ihr so viel für die weißrussischen Kinder oder Belarus getan habt, euch ständig mit diesen Problemen herumschlagen müsst, könnte ja vielleicht die Frage kommen, diese Arbeit nicht weiterzumachen oder wenn sie weitermachen, in welchem Rahmen. Wer wollen wir sein. Also, wollen wir uns unterordnen unter das Regime, was der Staat will, dann werden die Bundesarbeitsgemeinschaft, die Stiftung nicht mehr das sein, was sie 15 Jahre lang waren und sind. Wollen wir andererseits, können wir überhaupt andere sein? Ich denke, für mich gibt es drei wesentliche Prinzipien, unabhängig von all den Schwierigkeiten. Wenn diese Prinzipien existieren, dann spüre ich, dass ich fortsetze, was ich 17 Jahre lang getan habe. Wenn diese Prinzipien nicht mehr bestimmend sind, nicht mehr existieren, dann sehe ich mich schon nicht mehr in dieser Arbeit.
Das erste Prinzip: der Staat will heute, dass es diese Strukturen, d.h. diese Organisationen nicht mehr gibt, dass wir uns alle in private Leute verwandeln, die ihre eigene, kleine private Arbeit machen. Für mich ist sehr wichtig, dass wir die organisatorischen Strukturen in Weißrussland und in Deutschland erhalten. Nur als Organisationen können wir real Einfluss nehmen, können wir real handeln, können wir wirklich den Menschen Hilfe leisten. Und dann ist diese Arbeit mit einer Perspektive versehne und ist nicht nur auf heute berechnet. Wenn wir in Weißrussland den Status von Organisationen verlieren, wird es schon innerhalb eines halben Jahres so sein, dass ihr nur mit großen Schwierigkeiten die Partner wiederfindet, mit denen ihr heute arbeitet. Wenn wir getrennt voneinander, zersplittert bleiben, wird diese Arbeit in kurzer Zeit an den verschiedenen Orten zerstört. Wenn es keine Organisation in Deutschland geben wird, nur jede kleine Initiative an irgendeinem Ort, dann wird eure Arbeit sehr schnell nur noch eine Ergänzung von CORE werden. Dann werdet ihr ein Teil dieses Programms sein, und eure Arbeit, eure Anstrengung, euer Geld wird zugunsten der Kräfte laufen, die euch in der Arbeit für die Kinder ständig behindert haben. Das ist unausweichlich so. Nur zwei große Organisationen wie die BAG und die Stiftung auf der andern Seite, sozusagen eine große Organisation - wird die Macht dazu zwingen, sich mit uns auseinanderzusetzen.
Zweites Prinzip: Wir müssen unsere Unabhängigkeit behalten, bewahren. Das ganze CORE-Programm ist heute den Interessen des weißrussischen Staates untergeordnet. Im Programm CORE entscheiden, regieren zur Zeit nicht die westlichen Partner, sondern die belorussischen Minister. Und, wenn wir nicht unabhängig bleiben, dann wird man uns auch dahin bringen, dazu zwingen, nur das zu tun, was die Macht von uns will. Das ist dann keine Bürgerinitiative mehr, das sind schon nicht mehr wir. Wir haben unsern Platz in der Geschichte, in der Tschernobyl-Geschichte Weißrusslands. Wir haben einen großen Beitrag geleistet, dafür dass die Menschen diese Katastrophe überlebten, und das ist die Grundlagen für unser Recht, selbstständig zu bleiben.

Und das dritte Prinzip: Wir müssen die zwei Hauptrichtungen, die beiden wichtigsten Richtungen unserer Arbeit erhalten. Eine dieser Richtungen ist das Kinderprogramm und das zweite sind die sozialen Projekte in Weißrussland.
Denn, ohne die Kinder werden wir faktisch aufhören, eine Tschernobylinitiave zu sein. Damit würden wir aufhören, real den Menschen zu helfen. Ohne die Kinder zerreißen wir all diese Verbindungen, diese Brücken zwischen den belarussischen und den ausländischen Menschen – und das allein ist schon ein großer Wert, Eigenwert. Und wir können nicht einmal heute voll einschätzen welche Bedeutung das hat - die Verbindung zwischen den deutschen und belarussischen Kindern und Menschen, die wir damit geschaffen haben. 200.000 Kinder! Über 200.00 Kinder haben sich auf diesem Weg mit euch bekannt gemacht , ihren Freunden hier. Das ist fast eine ganze Generation.
Und die zweite Richtung, das sind die sozialen Projekte. Und nur diese sozialen Projekte geben den Leuten bei uns, den weißrussischen Menschen, die Gewissheit, dass sie nicht allein sind und dass sie selber etwas machen können.
Wenn die Kinder ins Ausland fahren, dann ist es überwiegend so, dass die Eltern nur unsere Arbeit nutzen, dann ist es noch nicht so, dass sie sich als Partner fühlen in diesem Prozess. Natürlich können bei einigen, bei nicht wenigen Leuten die Gefühle des Nehmenden entstehen. Ich bin Opfer, mir muss man helfen. Selbst heute - man kann sich das gar nicht vorstellen, und es isst eigentlich lächerlich - sagen die Leute offiziell in den Regionen: die Menschen in Deutschland, die helfen uns - die helfen uns deshalb, weil man ihnen dann die Steuern erlässt. Im Departement haben es die Angestellten so gesagt, Leute, die unmittelbar mit diesem humanitären Programmen Kontakt haben, und sie denken: Die Deutschen, Amerikaner, Japaner oder egal wer, die helfen wegen des Steuererlasses. Und sie erklären es den einfachen Eltern, und die einfachen Eltern glauben das: also ist das für euch nützlich, deshalb müsst ihr helfen, ihr habt den Vorteil davon. Nur dort, wo soziale Projekte laufen, wo die Leute beginnen, sich gegenseitig zu helfen, beginnen sie zu verstehen, was das in Wirklichkeit eigentlich ist, diese humanitäre Zusammenarbeit.
Ein einfaches Projekt: die Brücke zwischen den Generationen. Wir haben dieses Projekt schon sieben Jahre. Im ersten Jahr sind ältere Leute zu uns in den Club gekommen und haben dort im Club erzählt, ach wie gut ist das, dass Lukaschenko uns einen solchen Club ermöglicht hat. Diese Leute haben gesessen, haben die Hände zusammengelegt, und haben gewartet, dass die Jugendlichen ihnen was zeigen. Man wird sie unterhalten, wird ihnen viel auf den Tisch stellen, und sie haben diese Jugendlichen, die dort in diesem Projekt gearbeitet haben, als Bedienungspersonal bezeichnet. Das ist die Mentalität dieser Leute gewesen. Aber nach einem Jahr haben fast alle diese Großmütterchen und Großväterchen einen Protest unterschrieben, weil die Macht den Raum in der Schule weggenommen hat, in dem das stattfand: und dass das nicht richtig wäre, und haben dagegen protestiert, dass ihnen dieser Raum weggenommen wird. Sie haben begriffen, dass sie alleine ihre Interessen vertreten, etwas tun müssen, dass wir ihnen zwar helfen können, aber das nicht für sie machen können.
Und so sind alle unsere sozialen Projekte aufgebaut. Heute, in den Tschernobylkreisen, gibt es fünf, sechs aktive Leute, ehrenamtliche Leute, die schon seit vielen Jahren diese Arbeit tun, und vielleicht zwanzig, das sind junge Leute. Und diese 25, 30 Leute bewegen den ganzen Kreis. Zu ihnen kommen andere, die dann mithelfen.
Aber die Hauptaktivität liegt jetzt überwiegend bei den jungen Leuten, die die Jugendzentren in den verschieden Kreisen aufgebaut haben. Wir haben jedes Jahr die Jugendkonferenz, wo sie sehr viel erfahren. Sie beginnen selber in den Regionen, solche Veranstaltungen, Zusammenkünfte zu organisieren. Dasselbe kann ich sagen über das Diabetikerprogramm, dasselbe kann ich über das Frauenprogramm sagen. Nur diese sozialen Projekte aktivieren die Leute und bewegen sie, dass die Leute selber etwas tun. Wenn irgendwelche Initiativen keinen Sinn in dieser Arbeit sehen, dann irren sie sich gewaltig. Es kann sein, dass manche Initiativen einfach nicht die Ressourcen besitzen so etwas zu unterstützen - dann muss man moralisch die Leute unterstützen, die das machen. Man muss ununterbrochen den Menschen in Weißrussland sagen, werdet selbst aktiv, sitzt nicht da und wartet. Das ist heute schwer, das ist sogar gefährlich in den Regionen. Manche Leute haben sogar Schwierigkeiten, Unannehmlichkeiten in bezug auf ihren Arbeitsplatz. Aber wir bemühen uns, wo möglich ihnen zu helfen. Wir rufen nicht die Konfrontation mit der Macht herbei, wir rufen auf, aktiv zu sein und das zu tun, was sie selber können.
Das ist für mich das wichtigste Prinzip, doch unter den Tschernobylorganisationen in Weißrussland leisten nur sehr wenige eine solche Arbeit. Und deshalb entwickelt sich der Eindruck, als wenn die Tschernobylorganisationen nur so Agenturen wären für die Verschickung der Kinder ins Ausland. Doch das ist eine absolut nicht richtige Meinung. Ja, eine solche Meinung, eine solche einseitige Tätigkeit zerstört den eigentlichen Sinn dessen, was wir gemeinsam mit euch schon seit 16 Jahren machen.
Deshalb sind diese drei Prinzipien für mich unerlässlich. Dann weiß ich, wofür ich auch weiterhin kämpfe, verstehe ich, warum ich hierher komme zu euch, verstehe ich, warum ihr die Hand hebt und sagt, wir helfen noch einmal und auch weiter. Und ihr, die ihr spürt, wieviel schwieriger es geworden ist, ergebt euch trotzdem nicht. Und das ist ganz wichtig, dass wir das gerade in solch einer Situation noch einmal unterstreichen. Wenn wir den Weg gehen würden: gut, heute helfen wir diesem Kind oder jenem und weiter interessiert uns gar nichts, dann werden wir ähnlich den Leuten, die „heute sozusagen ein Hünchen füttern, und morgen wird man es schlachten“.
Wir sind einfach eine andere Organisation, wir denken über die Zukunft der Kinder von Tschernobyl nach. „Tschernobyl“, das ist für uns einerseits die Katastrophe und andererseits das Schicksal von Zehntausenden von Kindern, die ihr kennt. Für uns ist das wichtigste Resultat, dass Zehntausende von diesen Kindern sich einerseits erholt haben, aber andererseits aktiviert worden sind. Sie haben ihren Platz gefunden, also das Leben normal weiterzuführen. Das ist für mich als Organisator, als Mensch, als Teilnehmer an dieser Arbeit, das sind zwei Seiten, die man einfach nicht zerreißen darf, nicht trennen darf voneinander. Und ich denke, dass hier im Saal Leute zusammensitzen, die eben auch so über ihre Arbeit denken. Deshalb möchte ich danken.

Im vergangenen Jahr, als man uns auf die Straße gesetzt hat, und ihr uns unterstützt habt - das hat uns Impulse gegeben. Und, stellt euch vor, wir haben in diesem Jahr, ein ganzes Jahr normal weitergearbeitet.
Ich möchte mich auch bei euch entschuldigen, dass wir gerade jetzt in den vergangenen zwei Wochen, in den letzten zwei Wochen, große Schwierigkeiten haben in der gegenseitigen Kommunikation. Man hat uns einfach die Telefone abgeschaltet. Vier Telefone hatten wir, alle vier sind abgeschaltet. Wir haben nur noch eine Mailadresse, in Malinowka. Alles geht nun über diesen einen Punkt. Das staut sich förmlich. Und es kann sein, dass ihr nicht rechtzeitig eine Antwort auf eine Frage erhaltet. Bitte ruft auch auf einer Privatnummer an. Ich habe schon alle Mitarbeiter gebeten, dass sie euch ihre Privatnummern geben, um mit euch über die Privatnummern zu verkehren. Das muss für eine kurze Zeit helfen, die Kommunikation zu halten. Wir zahlen ihnen natürlich die Ausgaben, die ihnen dadurch entstehen. Aber das löst das Problem der Verbindung, der Kommunikation.
Aber es gibt noch ein Problem gerade in diesem Jahr, das wir gemeinsam mit euch besprechen wollen. dass ist die internationale sozusagen Psychose über den Terrorismus, die dazu geführt hat, dass das deutsche Konsulat aufgehört hat, normal mit den Erwachsenen zu arbeiten. Es war früher einfach möglich, mit einer Gruppe Kinder fünf oder zehn Erwachsene mit einzuladen. Es war möglich, Eltern mit ihren Kindern einzuladen. Und alle Formalitäten haben wir einfach über die Stiftung mit der Botschaft gemacht. Anfang diesen Jahres hat man uns vom Konsulat mitgeteilt, dass es jetzt eine andere Ordnung geben wird. Jetzt braucht man eine andere, eine spezielle Einladung für die Erwachsenen. Dann müssen alle diese Erwachsenen ins Konsulat kommen, damit sie persönlich die Dokumente abgeben.
Ich habe mich zweimal mit dem Generalkonsul in Minsk getroffen, ein sehr liebenswürdiger Mensch, alle meine Fragen hat er sich zu Herzen genommen, er hat sich vollständig einverstanden erklärt, er sagt: Ich werde alles tun, was Ihnen hilft. Und am Ende des Gesprächs: „Aber die Ordnung, wissen Sie, wird so sein, wie ich Ihnen das erläuterte. Denn das entscheide nicht ich, sondern das Innenministerium in Deutschland“.
Das ist für uns ein zusätzliches Problem, für euch noch mehr, aber das ist die Realität, mit der wir uns herumschlagen müssen. Dazu kommt. Wir haben in diesem Jahr ein neues System des Transportes der Kinder mit den Omnibussen begonnen. Ich danke euch sehr, dass ihr das alle verstanden und angenommen habt. Im vorigen Jahr hat man uns verboten, selber Geld entgegen zu nehmen und damit die Busse zu bezahlen. D.h. die Ordnung, die damals funktioniert hat, ist vom Herbst vergangenen Jahres in Weißrussland für kriminell erklärt worden. Deshalb waren wir gezwungen euch zu bitten, mit den Fahrern der Omnibusse diese Abrechnung zu machen. Das ist nur ein Schutz der Stiftung. Ich weiß, dass das nicht eine bessere Variante ist. Und ich weiß, dass das in Deutschland ganz und gar nicht gern gesehen wird, das mit den Busfahrern. Sonst müssten wir euch vorschlagen, dass ihr die Busse selber bestellt. Doch ist das schlecht. Wenn wir sie bestellen, dann überprüfen und koordinieren wir die Busse insgesamt. Wir könnten z.B. klären, dass zwei Gruppen gemeinsam fahren und dadurch Vorteile erreichen. Wir helfen den Fahrern dieser Busse, die Visa zu erhalten und alles, was nötig ist. Frank hilft z.B. wegen der Genehmigung der Fahrt durch Deutschland. Das ist ja eine große Hilfe für das Busunternehmen. Und sie bemühen sich deshalb auch uns gegenüber, auch gut zu arbeiten. So hatten wir in diesem Jahr an keiner Stelle besondere Anmerkungen, Probleme mit diesen Bussen. Viele Initiativen haben uns mitgeteilt, dass sie sehr zufrieden sind mit der Arbeit dieser Busfahrer. Wenn das aber ein fremder Bus ist, dann kann es schon passieren, dass unsere Kinder zurückfahren mit einem Kasten Bier oder in Brest an der Grenze umsteigen in irgendwelche alten belarussischen Busse.
Aber das ist ja in Belarus auch unser Image. Die belarussischen Menschen beschweren sich nicht über euch, sondern über uns: „ihr habt die Kinder genommen, den Kindern ging es schlecht im Bus“. Doch wir haben, wenn wir die Busse nicht bestellt haben, keinerlei Recht der Einflussnahme auf sie.
Und seit dem Sommer dieses Jahres gibt es nun noch eine Regel. Die Visa für die Gruppe und für die Fahrer müssen gleichzeitig eingereicht werden, das muss eine Liste sein. Z.B., im Januar sind 15 Kinder eingeladen, und sie wollten mit einem selbstbestellten Bus fahren. Wir haben gesagt, nun gut bestellt den Bus. Als sie erfahren haben, dass sie auch das Visum für den Busfahrer gleichzeitig einreichen müssen, dass also nicht mehr die Stiftung, sondern das Busunternehmen sich um das Visum der Kinder und des Fahrers wird kümmern müssen, haben sie in nur drei Tagen begriffen und uns mitgeteilt, o.k. wir sind einverstanden, macht ihr das alles. Trotzdem, weil wir bei alle dem eine hohe Verantwortung tragen werden aus Verantwortung auch im kommenden Jahr diese Arbeit machen, aber wenn eine Initiative ein eigenes Busunternehmen hat, dann ist das euer gutes Recht, dann sind wir einverstanden und haben nichts dagegen. Wir haben einige Partner die ja seit Jahren diese Reisen selber organisieren, warum nicht. Aber wie gesagt, unsere Ordnung ist so, wie ich sie euch eben erläutert habe. Es gibt sicher noch eine ganze Reihe von Fragen, aber es ist besser, wenn ihr die Fragen stellt.

Nachtrag zur Visafrage:
Schreibt bitte keine Protestschreiben an die deutsche Botschaft in Minsk. Der deutsche Botschafter in Minsk, Dr. Hecker, steht sehr positiv zu unserer Arbeit. Er hat immer, bei allen internationalen Treffen, bei seinen Auftritten an unsere Arbeit erinnert, darauf aufmerksam gemacht. Er lädt zu allen internationalen Treffen Vertreter unserer Stiftung ein, dass wir zum Thema Tschernobyl sprechen, also ausgesprochen wir. Er könnte ja auch irgendeinen offiziellen Angestellten oder Beamten einladen. Aber er lädt dauernd und immer uns ein. Also, deshalb die Beziehung des Botschafters zu unserer Arbeit ist sehr gut. Aber hier in Deutschland, in den Ministerien, gibt es Beamte, die über unsere Arbeit nichts wissen. Und mit denen muss man arbeiten. So wie Frank Nägele z.B. mit dem Transportministerium
( FN: Bundesamt für Güterverkehr Köln ) arbeitet. Was die Visa für die Jugend betrifft, so ist das entweder eine Frage auf politischer Ebene oder direkt durch das Ministerium, das Innenministerium.

Übersetzung: Georg Tietzen, Kamenz
Aufnahmetechnik: Fred Heintze, Vöhrenbach
Endredaktion: Burkhard Homeyer, Münster

 

 
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