Sacharow-Preis (EU-Parlament) für Milinkewitsch / Frankfurter Rundschau Drucken
Berichte & Reportagen
Montag, den 21. April 2008 um 15:36 Uhr

Milinkewitsch - Kämpfer gegen Europas letzte Diktatur

Einer wie er muss mit allem rechnen. Allein in den letzten Wochen ist der Weißrusse Alexander Milinkewitsch dreimal festgenom­men worden. Andere Widersacher des Diktators Alexan-der Lukaschenko sind schon seit einiger Zeit spurlos verschwun-den, oder wurden bei Willkür-prozessen zu langen Haftstrafen verurteilt.
Bei Milinkewitsch begnügte sich die Miliz bisher, ihm anonyme Hin-weise auf Drogenschmuggel vorzu-halten, die Beteiligung an Verkehrsunfällen zu unterstellen oder Passvergehen zu konstru-ieren, immer verbunden mit kurz-fristigen Festnahmen.

Willkürliche Festnahmen
Alles Warnungen an den Regime-kritiker, der trotz dieser deutlichen Zeichen am Mitt­woch nach Straß-burg kam, um für seinen Kampf gegen die letzte Diktatur in Europa den Sacharow-Preis 2007 entge-gen zu nehmen.
Milinkewitsch, Physiker wie Andrej Sacharow und seit Jahren wegen seiner politischen Ansichten mit Berufsverbot belegt, kündigte weitere Demonstrationen in seiner Heimat an, denn nur durch gewalt-freien Widerstand der Bevölkerung könne das weißrussische Regime ins Wanken gebracht
werden. „Wahlen allein taugen in Diktaturen dazu nicht, sie sind nicht einmal Scheinwahlen, sie sind nichts, sie dienen nur dazu, geneh-men Personen Jobs als Abgeord-nete zuzuweisen", fügt er hinzu.
Der Bürgerprotest, auf den der Preisträger zur Befreiung seines Landes setzt, kann sich seiner Meinung nach aber nur im Schutz der'Weltöffentlichkeit wirklich entfal-ten. Als im März die internationalen Medien aus Minsk in die Ukraine weiterzogen, kam die Miliz noch in der Nacht und warf die Demon-stranten ins Gefängnis, an die sie sich nicht herangetraut hatten, solange die Fernsehkameras da waren.
Alexander Kosulin, der wie Milinkewitsch bei den Präsident-schaftswahlen gegen Lukaschenko angetreten war, sitzt seither im Gefängnis und ist nach langem Hungerstreik dem Tode nahe. Offen zu opponieren ist lebensgefährlich, unabhängige Medien gibt es nicht mehr und Meinungsfreiheit ohne-hin nicht. Auch auf das Internet wollen die Machthaber demnächst zugreifen. Regimekritiker leben unter der Drohung, dass Kinder aus „unmoralischen Familien" entfernt und in Waisenhäuser ge­steckt werden können. Die wirt-schaftiche Lage in Weißrussland ist schwierig, könnte sich aber weiter verschlechtern, wenn Moskau, wo Wladimir Putin den Diktator stützt, wie angekündigt den bisher gel-tenden Vor­zugspreis für russi-sches Gas drastisch erhöht.
In dieser Situation wendet sich Milinkewitsch gegen Wirtschafts-sanktionen, die in Europa gegen sein Land im Gespräch sind. Solche Maßnahmen treffen immer die einfachen Leute. Die Profiteure des Systems, die Machthaber selbst wüssten schon wie sie ihr angenehmes Leben weiter führen könnten. Milinkewitsch formuliert zurückhaltend, wirbt um Verständ-nis in Moskau, will deutlich machen, dass sich die Demokratiebewegung in Weißrussland nicht gegen den großen Nachbarn richtet. Europa bezeichnet er als Chance, als Hoff-nung für sein Land.

Europa als Chance
Eines Tages, so sagt er leise, wird Weißrussland in die europäische Familie zurückkehren, als freier und demokratischer Staat. Diktaturen haben keine Zukunft und in ihnen gibt es keine andere Wahl, als zu kämpfen." Und was wird mit ihm geschehen, wenn er in den Macht-bereich Lukaschenkos zurückkehrt? „Ich weiß es nicht," antwortet der 58-Jährige, „aber ich weiß, das Europa­parlament wird genau verfolgen, was mit mir geschieht." Und vor der internationalen Öffentlichkeit haben Diktatoren Angst, darauf vertraut er fest.

VON JÖRG RECKMANN
Aus: Frankfurter Rundschau, 13. Dez. 2006